Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/20138 Interview
Arbeit&Wirtschaft: Herr Professor Dr. 
Thomas Druyen, Sie haben 2007 das 
Institut für Vermögenskultur an der 
Sigmund Freud Privatuniversität ge-
gründet. Diese Ausgabe der A&W hat 
das Motto „Lieber reich als arm“ – 
würden Sie das immer unterschreiben?
Thomas Druyen: Grundsätzlich wäre 
weltweit die überwiegende Mehrheit der 
Menschen natürlich lieber reich, weil man 
mit Reichtum in gewisser Weise auch 
Glück und Unabhängigkeit verbindet. 
Zumindest tun das meist diejenigen, die 
selbst nicht reich sind, insofern ist die 
Vorstellung von Reichtum ein Mythos. 
Sicherlich gibt es auch Leute, die nicht 
viel Geld haben und glücklich sind. Wahr-
scheinlich sind die Personen, die wenig 
Sorgen haben, die glücklichsten. Und das 
sind sicher nicht immer die reichsten.  
Sie unterscheiden sehr genau zwischen 
Reichtums- und Vermögensforschung ...
  
Der Unterschied ist wichtig: Reichtums-
forschung kümmert sich um die materi-
ellen Dimensionen, wie viel man hat und 
was die quantitative Bedeutung ist. Ich 
habe aber schon früher als Soziologe in 
vielen Gesprächen festgestellt, dass Rei-
che oder Vermögende auch andere Pro-
bleme haben: Ist das viele Geld eine He-
rausforderung für den Charakter? Verän-
dert es den Charakter? Was macht es mit 
der Familie? Was ist der Unterschied, ob 
man in der dritten Generation reich ist 
oder selbst ein frischgebackener Internet-
Millionär? Es gibt ganz viele Faktoren bis 
hin zur Psyche – und deswegen sitzen wir 
ja hier in der Sigmund Freud Privat-
universität. Wir interessieren uns für das, 
was im Kopf, im Herz und in der Seele 
von Menschen vorgeht, die wohlhabend 
oder extrem wohlhabend sind, Millio näre 
und Milliardäre. Dieses Fach heißt Ver-
mögenspsychologie.  
Begonnen haben Sie als Soziologe mit 
einem anderen Thema ...  
Mein Thema war der demografische Wan-
del, ich habe Interviews zum Thema Alter 
gemacht. Unter diesen älteren Menschen 
zwischen 60 und 104 waren durch Zufall 
viele Vermögende. Damals habe ich fest-
gestellt, dass bei all den Gedanken, die 
sich diese Menschen machen, die schlech-
te Reputation der Reichen in der Öffent-
lichkeit nicht den Tatsachen entspricht. 
Dann habe ich festgestellt, dass Reich-
tumsforschung bei fünf bis sieben Milli-
onen Euro aufhört. Ich erkannte schnell, 
dass es sehr schwer ist, an Leute mit 
10 Mio., 100 Mio., 800 Mio., geschwei-
ge denn mit 10 Mrd. ranzukommen. 
Weshalb? Angst vor Neid?  
Neid spielt in unserer Gesellschaft eine 
große Rolle, aber ich habe kaum jeman-
den getroffen, der gar nichts hat und auf 
einen Multimillionär neidisch ist. Neid 
funktioniert meist in gleichen oder ähn-
lichen Milieus. Wenn mein Nachbar, der 
etwa so viel verdient wie ich, plötzlich ein 
größeres Auto fährt, erweckt das Neid.     
Dennoch ist dieser Neid nicht der 
ausschlaggebende Faktor. Er existiert in 
unserer Gesellschaft, aber er ist vor allem 
politisch und medial erzeugt. Die Poli-
tik muss scheinbar kritisch mit den Rei-
chen umgehen, um beim nächsten Mal 
wieder gewählt zu werden, da ist viel 
Heuchelei im Spiel.   
Ein ganzer Medienzweig lebt von 
Berichten über Adelige und Reiche. 
Diese oberflächlichen Diskussionen 
führen dazu, dass Reichtum und Promi-
nenz verwechselt werden. Da werden 
falsche Bilder erzeugt. 70 Prozent der 
Reichen arbeiten. Legaler Reichtum 
kommt in den meisten Fällen durch un-
ternehmerisches Handeln zustande.  
Und durch Erben?  
Ja, aber der Prozentsatz ist bei Weitem 
nicht mehr so hoch wie früher. Das sind 
„Konkrethik: Armut reduzieren“
Vermögensforscher Thomas Druyen über die Herausforderung von Reichtum, Geld 
und Verantwortung, den Wert der Arbeit und die Scheinheiligkeit.
Z u r  p e r s o n
Professor Dr. Thomas Druyen
Geb. 1957 in Süchteln/Niederrhein
Studium der Fächer Jura, 
Soziologie, Publizistik und 
Philologie sowie Anthropologie an 
der Universität Colombo 
1988 Mag. art, 1990 Promotion 
Dr. phil., 2004 Habilitation 
1999–2004 Direktor am Institut 
für den Dialog der Generationen, Universität Györ
2006–2010 Institut für Soziologie, Direktor Forum für 
Vermögensforschung, Westfälische Wilhelms-Universität
2005–2007 Institut für Kultur- und Medienmanage-
ment, Freie Universität Berlin 
2000–2004 Vorstand der Peter-Ustinov-Stiftung
2003–2007 Direktor und wissenschaftlicher Berater bei 
der Privatbank der Fürstenfamilie von Liechtenstein 
2004–2009 Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung 
Kloster Steinfeld
Seit 2007 Professor des Lehrstuhls für Vergleichende 
Vermögenskultur, seit 2009 Vorstand des Instituts an 
der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien
        

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