Full text: Moderne Zeiten (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/201332 Schwerpunkt
G
eld ist nicht alles, auch wenn die 
Höhe des Gehalts in Bezug auf die 
Zufriedenheit am Arbeitsplatz 
nach wie vor eine wichtige Rolle 
spielt. Ob sich Beschäftigte am Arbeits-
platz wohlfühlen, hängt von vielen ver-
schiedenen Faktoren ab: Wie funktioniert 
die Zusammenarbeit mit Kolleginnen 
und Kollegen sowie Vorgesetzten? Wie 
flexibel sind die Arbeitszeiten und besteht 
die Möglichkeit zur Weiterbildung? Für 
viele ArbeitnehmerInnen gewinnt beson-
ders die Frage nach der Vereinbarkeit von 
Beruf und Familie immer größere Bedeu-
tung, und die Überlegung welchen Belas-
tungen sie tagtäglich am Arbeitsplatz aus-
gesetzt sind. 
Was gute Arbeit ausmacht, hat sich 
im Laufe der vergangenen Jahrzehnte 
stark verändert. Früher mussten die Ar-
beiterInnen nicht nur genau, sondern 
auch schnell arbeiten – vor allem am 
Fließband, alle paar Stunden gab es eine 
kurze Toiletten- oder Trinkpause und 
die Arbeitswoche dauerte mindestens 
40 Stunden. Nicht selten verletzten sich 
FabrikarbeiterInnen aufgrund des 
schnellen Tempos am Arbeitsplatz.
Auch heute gibt es noch immer 
schwere körperliche Arbeit und Fließ-
bandjobs, aber sie prägen nicht mehr die 
Arbeitswelt. Die Zahl der Industriearbei-
terInnen schrumpft, und vielen Unter-
nehmen ist die Vermeidung von Arbeits-
unfällen ein zentrales Anliegen geworden. 
Die Arbeitsbedingungen haben sich ver-
ändert. BüromitarbeiterInnen bekom-
men ergonomische Stühle und gute 
Computerbildschirme, um Rücken und 
Augen zu schonen. Die Arbeitszeit wurde 
auf acht Stunden pro Tag reduziert, der 
freie Sonntag und bezahlter Urlaub sind 
nicht mehr wegzudenken.
Arbeitswelt im Wandel
In den frühen 1980er-Jahren kamen ers-
te Ideen zur Humanisierung der Arbeit 
auf. „In den Debatten zur Humanisie-
rung der Arbeit waren Mitbestimmung, 
oft sogar weitergehend Demokratisie-
rung in der Arbeitswelt und die für die 
Qualität der Arbeit ausschlaggebenden 
Formen der Arbeitsorganisation die we-
sentlichen Inhalte“, sagt Paul Kolm, Do-
zent an der TU Wien und bis 2007 Lei-
ter der Abteilung Arbeit und Technik in 
der Gewerkschaft der Privatangestellten, 
Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp). 
Humanisierung der Arbeit umfasst 
alles, was dem Gesundheitsschutz am 
Arbeitsplatz und der Arbeitszufrieden-
heit dient, zum Beispiel Sicherheitstech-
nik in Unternehmen, Gestaltung der 
Arbeitsplätze und Arbeitsräume. Das 
sind alles Bemühungen, die Arbeitswelt 
möglichst menschengerecht zu gestal-
ten. Insbesondere sollten Arbeitsunfälle, 
Berufskrankheiten sowie körperliche 
und psychische Überanstrengung redu-
ziert werden. „Doch nach dem Arbeits-
verfassungsgesetz 1973 wurden auf dem 
Sektor Mitbestimmung keine wesent-
lichen Fortschritte mehr erzielt. Im Ge-
genteil, die durch die Globalisierung 
und neoliberale Wirtschaftspolitik zu-
ungunsten der ArbeitnehmerInnen ver-
änderten Kräfteverhältnisse haben die 
Kluft zwischen den aus der Arbeitsver-
fassung entstehenden Ansprüchen und 
den realen Einflussmöglichkeiten ver-
schlechtert“, so Kolm. Vieles hat sich im 
Laufe der Jahre verändert, und dass 
heutzutage und in vielen Betrieben kein 
autoritärer Führungsstil mehr herrscht, 
ist eine positive Entwicklung. Arbeitsan-
forderungen und zusätzliche Tätigkeiten 
im Job nehmen zu, verlangen neue 
 Qualifikationen und bringen entspre-
chende Verantwortung mit sich. „Diese 
an sich positiven Entwicklungen werden 
allerdings deformiert durch sicht- und 
spürbare Folgen des Abbaus sozialer 
Muster“, sagt Kolm. 
Arbeit unter Druck
Zeit- und Termindruck beherrschen das 
Arbeitsleben, genauso wie befristete Ar-
beitsverträge. Zeitarbeit und Niedrig-
lohnbranchen werden immer mehr, Be-
schäftigte müssen flexibler und leistungs-
fähiger werden. Flexibilität und vor allem 
die ständige Erreichbarkeit drängen viele 
Beschäftigte immer stärker in die Belas-
tungsfalle. Laut Statistik Austria war fast 
die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in 
Österreich (44,9 Prozent) im Jahr 2012 
teilzeitbeschäftigt. Hinzu kommt, dass in 
Krisenzeiten Menschen sehr verunsichert 
sind und einen Jobverlust fürchten. Sol-
che Arbeitsbedingungen führen inzwi-
schen weniger zu körperlichen Schmer-
zen, sie belasten jedoch die Psyche der 
Menschen. Kolm warnt vor diesen Ent-
wicklungen: „Die neue Normalität von 
geringfügig Beschäftigten, befristet Be-
schäftigten, TeilzeitarbeiterInnen, Leihar-
beiterInnen, alle Formen von atypischer 
Arbeit sind in der Regel weit von allen 
Human? Nein, gut für den Chef!
Viel Gehalt bedeutet nicht auch einen guten Job zu haben. Die Arbeitswelt 
verändert sich – lange Arbeitszeiten, Handys und E-Mails erhöhen den Druck.
Autorin: Amela Muratovic
ÖGB-Kommunikation
        

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