Full text: Ein Dach über dem Kopf (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/201336 Schwerpunkt Professionelle Pflege zu Hause – Alternative zur Familie? Einheitliche Standards und Daten über die Versorgungssituation fehlen. S ozialer Fortschritt kann viele Ge- sichter haben: Eines davon wäre ein professionalisiertes und den- noch leistbares Pflegesystem, das eine bessere Versorgungsqualität sicher- stellt und v. a. Frauen entlastet, die bisher ihre Angehörigen selbstlos und unbezahlt zu Hause gepflegt haben. Wer diesen Gedanken für eine sozi- alromantische Utopie hält, verkennt die Potenziale eines flächendeckenden An- gebots an Sozialen Diensten – von (teil)- stationärer Betreuung, mobilen Pflege- und Betreuungsangeboten bis hin zur Hilfe bei haushaltsnahen Diensten (z. B. Einkäufe, Reinigung). (In)Transparenz im Pflegebereich Während die Daten zum Pflegegeld (u. a. BezieherInnen nach Stufen/Alters- gruppen/Bundesländern) und der ent- sprechende finanzielle Aufwand schon immer genau erfasst wurden, gestaltet sich das Vorhaben, aussagekräftige und detaillierte Daten im Bundesländerver- gleich zu den Sachleistungen (Pflege- und Betreuungsdienste) zu erhalten, als durchaus schwierig. Der Aufwand für das Pflegegeld be- trug 20111 für den Bund 2,071 Mrd. Euro und für die Länder 379 Mio. Euro, in Summe somit rund 2,45 Mrd. Euro (0,8 Prozent des BIP). Für Pflege- und Betreuungsdienste wurden 2011 laut Statistik Austria 2,9 Mrd. Euro (Vollko- sten/Bruttokosten) aufgewendet, der so- genannte Nettoaufwand – in einem ver- kürzten Sinn – betrug 1,6 Mrd. Euro2. Im Ergebnis wurden im Jahr 2011 damit rund vier Mrd. Euro für Pflege (Geld- und Sachleistungen) ausgegeben, das entspricht rund 1,35 Prozent des BIP. Aktuell (8/2013) beziehen in Öster- reich knapp über fünf Prozent der Be- völkerung (439.000 Personen) Pflege- geld, international eine sehr hohe Zahl. Anzumerken ist aber, dass sich ein Großteil in den unteren Stufen befindet: 52 Prozent der PflegegeldbezieherInnen in den Stufen 1 und 2, nimmt man die Stufe 3 dazu, sind es fast 70 Prozent aller BezieherInnen. Im Vergleich zum nach wie vor geld- leistungsdominanten Pflegesystem in Österreich ist der Anteil der Gesamtaus- gaben für Pflege an der Wirtschaftsleis- tung in den skandinavischen Ländern mehr als doppelt so hoch. Dort ist auch die Professionalisierung deutlich höher als in Österreich. Status quo Laut BMASK bzw. Statistik Austria wer- den 16 Prozent der PflegegeldbezieherIn- nen stationär betreut, 30 Prozent nehmen mobile Dienste in Anspruch, drei Prozent erhalten eine Förderung der 24-Stunden- Betreuung. Jedenfalls über 50 Prozent werden zu Hause ohne professionelle Hil- fe gepflegt und betreut. Die hohe Nicht- inanspruchnahme professioneller Diens- te durch die PflegegeldbezieherInnen kann wohl auf mehrere Faktoren zurück- geführt werden, u. a. ein verfestigtes – konservatives – Rollenbild für Frauen, fehlende Dienstleistungsangebote und Kostenvorbehalte. Die Pflege und Betreuung durch An- gehörige – zum Großteil durch Frauen (Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter) – spielt „traditionell“ in Österreich eine große Rolle und bildet auch bestehende Versorgungsdefizite im Bereich der Sozi- alen Dienste (u. a. hinsichtlich flächen- deckender Verfügbarkeit und Qualität) ab. Auch das Kostenargument spielt eine Rolle, da mit dem Pflegegeld die pflegebedingten Mehraufwendungen nur pauschaliert abgegolten werden und ein nicht unwesentlicher Beitrag aus dem Einkommen (meistens der Eigen- pension bzw. der Familie) geleistet wer- den muss. Harmonisierte Pflegestandards? Derzeit sind weder die Standards in der Pflege einheitlich definiert, noch sind verlässliche Datengrundlagen über die Versorgungssituation in den einzelnen Bundesländern bzw. Regionen verfügbar. Damit fehlen wesentliche Entschei- dungsgrundlagen für einen zielgerichte- ten Ausbau der Sachleistungen in Öster- reich. Neben dem Aufbau eines standardi- sierten Monitorings der Versorgungssi- tuation in den Bundesländern soll mit den Mitteln aus dem beim BMASK ein- Adi Buxbaum Mitarbeiter der Abteilung Sozialpolitik AK Wien Monika Weißensteiner stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung Sozialversicherung 1 BMASK (2012), Pflegevorsorgebericht; ab 2012 nur noch Bun- despflegegeld. 2 Minus Kostenbeiträge, Regresse und sonstige Einnahmen.

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