Full text: Ein Dach über dem Kopf (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/2013 9Interview
Lange Zeit hat man – auch in der 
 Politik – den Eindruck gehabt: Das Woh-
nen funktioniert eh. Und darum hat sich 
der Fokus auf andere Dinge verlagert. 
Dann hat es ein paar Wissenschafter gege-
ben, wie den Herrn Dr. Felderer, damals 
IHS. Der hat immer wieder erklärt, die 
Wohnbauförderung sei unnötig, eine 
 Subjektförderung – also Wohnbeihilfe – 
reiche vollkommen und im Übrigen 
 haben wir einen gut funktionierenden Ka-
pitalmarkt. Das haben Politiker mitbe-
kommen und die Industrie hat das gerne 
aufgenommen. Immer, wenn es darum 
gegangen ist, wo kann der Staat sparen, 
hat es dann geheißen: Der  Felderer hat 
doch gesagt, man braucht die Wohn-
bauförderung nicht mehr.  
Jetzt sind wir dort, wo wir sind. Die 
Bevölkerungsentwicklung wurde offenbar 
zu wenig beachtet. Dieses schleichende 
anders Verwenden der Wohn bauförde-
rungsmittel hat dazu geführt, dass wir we-
niger gebaut haben. Die fehlende Indexie-
rung hat uns sowieso einen Teil der Mittel 
gekappt.  
Und dann kam die Krise ...  
Und dann kam die Krise. Und plötzlich 
hieß es: Das Wohnen ist so teuer. Die Kri-
se hat noch einen ganz interessanten Aspekt 
hervorgebracht. Und ich glaube, dass das 
einer der Hauptgründe ist, warum die 
 Politik auch so rasch reagiert. Es sind nicht 
so sehr die steigenden Mieten, die die Emo-
tionen aufgebracht haben: „Wohnen ist 
teurer.“  Seien wir uns ehrlich, es gibt sehr 
viele Leute auch im Mittelstand, die sich 
etwas Geld, so 300.000 Euro erspart haben. 
Es ist überall signalisiert worden, dass man 
sein Geld nur nicht auf die Bank legen soll, 
sondern in Immobilien inves tieren. Da 
 haben sich die Leute gedacht: „Kaufen wir 
uns auch eine Wohnung. Dann haben wir 
sogar – Sichwort ‚Vorsorgewohnungen‘ – 
ausgesorgt im Alter.“ Und dann sind sie 
losmarschiert mit ihren 300.000 Euro und 
haben festgestellt: Sie bekommen keine 100 
m? darum, sondern maximal eine 52-m?-
Wohnung. Und ich glaube auch, dass diese 
Leute dazu beigetragen haben, dass der Ein-
druck entstanden ist, Wohnen sei furchtbar 
teuer geworden. 
Wie viele ÖsterreicherInnen wohnen in 
einer gemeinnützigen Wohnung?  
Unseren Berechnungen nach wohnen un-
gefähr 2,5 bis 2,8 Mio. Menschen bei uns. 
Das wäre jede/r Vierte.   
Wie viele wollen?  
Wenn ich die frage, die bei uns wohnen – 
also die Wohnzufriedenheit abfrage – sind 
es viele. Bei der jüngsten Befragung der 
Stadt Wien zu den Gemeindewohnungen 
war das Ergebnis ein Zuspruch weit über 
80 Prozent für Genossenschaftswohnun-
gen. Das verdeutlicht sich auch darin, dass 
die Kinder sehr früh schon für eine Woh-
nung angemeldet werden. Auch das zeigt, 
dass die Zufriedenheit mit den Gemein-
nützigen recht groß ist. Das ist aber auch 
nicht so abstrakt. Wenn Sie bei den Gemein-
nützigen den Zins zahlen, wohnen Sie, so 
lange Sie wollen. Da gibt es keinen befris-
teten Mietvertrag, es wird niemand hinaus-
geekelt, die Häuser werden ständig in 
Schuss gehalten, ordentlich saniert. Vanda-
lenakte werden sofort behoben. 
Die GBV beschäftigt ja auch noch immer 
mehr als 3.500 HausbesorgerInnen.  
Als das Hausbesorgergesetz 2001 abge-
schafft wurde, haben wir versucht, ähn liche 
Arbeitsverhältniskonstruktionen zu finden, 
nämlich in Form von HausbetreuerInnen. 
Wir wollten, dass wer im Haus da ist. Für 
die gefühlte Sicherheit der  MieterInnen ist 
es sehr wichtig, dass es da jemanden gibt, 
der sich kümmert. Das hat für uns auch 
betriebswirtschaftlich gesehen Vorteile.  
Wie viele warten auf Wohnungen?  
Wir haben jetzt keine österreichweite Sta-
tistik – aber in den Städten gibt es lange 
Wartelisten. Wir haben ja ein weites Spek-
trum: Einerseits Neubauwohnungen, die 
natürlich teurer sind, weil die Baukosten 
höher sind. Aber wir haben auch sehr güns-
tige ältere Wohnungen und die kommen 
dann vor allem für rasche Hilfe in Frage: 
Scheidungsfälle, AlleinerzieherInnen. 
Selbst da besteht eine gewisse Wartezeit, 
weil aus sehr günstigen Wohnungen die 
Menschen nicht oft ausziehen. Trotzdem 
wird immer was frei. Mir ist das deswegen 
so wichtig, weil oft unterschätzt wird, wel-
chen Wert dieser Bestand hat.   
In der Phase des neoliberalen Super-
wettbewerbs – „auf jeden Fall Eigentum“ 
– wurden auch die Weichen gestellt in 
Richtung Verkauf von Mietwohnungen. 
Abgesehen davon, dass ich glaube, dass 
es gesellschaftspolitisch nicht sehr gescheit 
ist, wenn man hoch geförderte Woh-
nungen günstig verkaufen muss. Da profi-
tieren andere. Es ist aber auch für die zu-
künftige Versorgung nicht sehr  gescheit. 
Wir haben mit unserem älteren Woh-
Auch das zeigt, dass die Zufriedenheit mit den 
Gemeinnützigen recht groß ist. Das ist aber 
auch nicht so abstrakt. Wenn Sie bei den 
 Gemeinnützigen den Zins zahlen, wohnen Sie, 
so lange Sie wollen. Da gibt es keinen befris-
teten Mietvertrag, es wird niemand hinaus-
geekelt, die Häuser werden ständig in Schuss 
gehalten, ordentlich saniert. Vandalenakte 
 werden sofort behoben. 
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