Full text: Ober sticht Unter (9)

11Arbeit&Wirtschaft 9/2013
Später gingen die Arbeitgeberorganisationen 
dazu über, „schwarze Listen“ ganz offen an 
ihre Mitglieder zu verschicken, bis der 
Oberste Gerichtshof dieser Praxis 1905 ein 
Ende machte. Er stellte fest, dass dem ge-
werblichen Hilfsarbeiter die Verwertung 
seiner Arbeitskraft in demjenigen Fache, 
für das er vorgebildet ist, nicht unmöglich 
gemacht oder erheblich erschwert werden 
darf. Allerdings bestand die Pflicht zur Füh-
rung von Arbeitsbüchern und die Möglichkeit, 
dort Geheimcodes einzufügen, weiter. Erst die 
demokratische Republik schaffte sie nach 
1918 ab. 
Außerdem galt für die Mitglieder der „Haupt-
stelle der Arbeitgeberorganisationen der ös-
terreichischen Industrie“ ab 1907 ein „Re-
glement“ mit geheimen Weisungen. Unter 
anderem hieß es darin: Übel beleumdete 
Arbeiter, Hetzer und Wühler sind stets in 
Beim ersten Gewerkschaftskongress in Wien 
zu Weihnachten 1893 berichtete Eduard Keel, 
der Vertreter des Schweizerischen Gewerk-
schaftsbunds, über die Schwierigkeiten, mit 
denen die GewerkschafterInnen auch in sei-
nem Land zu kämpfen hatten. Es würde zwar 
keine staatliche Unterdrückung geben, aber 
auch keine gesetzlichen Schranken für das 
Vorgehen der ArbeitgeberInnen: Der Kapita-
list ist es selbst, der die Waffen in die Hand 
genommen, die Arbeiter zu unterdrücken, 
und er glaubt dieses am besten dadurch 
erreichen zu können, dass er diejenigen 
Arbeiter, die sich politisch tätig erweisen, 
einfach auf die schwarze Liste setzt und 
sie als Wühler und Hetzer brandmarkt.
Auch in Österreich bediente sich die Arbeit-
geberseite damals solcher „schwarzer Li-
sten“. Dabei handelte es sich um Geheim-
codes in den – gesetzlich vorgeschriebenen 
– Arbeitsbüchern. „Eingeweihte“ wussten 
sofort, ob Arbeit suchende „Aufwiegler“ für 
eine Gewerkschaft warben oder sich schon 
einmal an einem Streik beteiligt hatten. Und 
damit begann das perfekte Zusammenspiel 
mit einer Kombination aus Heimatzugehörig-
keitsgesetzen, vor allem dem „Reichsschub-
gesetz“ von 1871 und dem „Vagabundenge-
setz“ von 1885: Arbeitslose konnten leicht als 
„Arbeitsscheue“ oder „Arbeitsverweigerer“ 
punziert und Arbeitslose, die aus einem an-
deren Ort stammten, dorthin abgeschoben 
werden. Die Unternehmen waren so die läs-
tigen GewerkschafterInnen los, ohne formal 
die Entkriminalisierung von Gewerkschafts-
gründung und Streiks durch das Koalitions-
gesetz von 1870 zu missachten.
Schwarze Listen
Armengesetzgebung und Arbeitgeberverbände bauten einst ein engmaschiges 
Terrornetzwerk zur Unterdrückung von Gewerkschaftsarbeit auf.
Evidenz zu halten. Besonders hart wurde 
gegen TeilnehmerInnen an einem Streik vor-
gegangen: Ist im Betriebe einer Mitglieds-
firma ein Streik ausgebrochen, so sind  … 
alle übrigen Mitglieder mit dem eindring-
lichen Bemerken zu verständigen, dass 
kein Arbeiter, dessen Arbeitsbuch aus-
weist, dass er bei dem vom Streik betrof-
fenen Mitglied aus dem Anlasse des Streiks 
oder während dessen Dauer ausgetreten 
ist oder entlassen wurde, (…) beschäftigt 
werden darf. 
Die Antwort der Freien  Gewerkschaften war 
die Einrichtung eines zentralen Solidaritäts-
fonds.
Zusammengestellt und kommentiert von 
Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
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Das Satireblatt „Glühlichter“ 1896: Den „Heimischen“ den Bettelsack, Schubwagen für das „fremde“ 
Pack. Die Armengesetze wurden oft zur Verfolgung von GewerkschafterInnen missbraucht.
        

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