Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201312 Schwerpunkt
Rationalisierungsmanagement 
(mit-)gestalten
Über die Anfänge gewerkschaftlicher Arbeitswissenschaft in der Zwischenkriegszeit.
B
etriebliche Rationalisierungen 
durch den Einsatz von Maschi-
nen, die Technologisierung von 
Arbeitsabläufen, Betriebsschlie-
ßungen und -verlagerungen, zumeist ver-
bunden mit Senkung der Lohnkosten 
und dem Abbau von Arbeitskräften, wa-
ren und sind die beliebtesten Methoden 
des Managements zur Produktivitäts- und 
mithin Gewinnsteigerung. Weitgehend 
unbekannt ist, dass sich die Gewerkschaf-
ten in Europa und den USA bereits in 
den „Goldenen Zwanzigerjahren“ mit 
diesen und ähnlichen Managementme-
thoden konfrontiert sahen. Als Reaktion 
entstand in Österreich damals nicht nur 
eine gewerkschaftlich orientierte „Ar-
beitswissenschaft“, sondern es kam auch 
zu einer institutionellen sozialpartner-
schaftlichen Zusammenarbeit.
1920er-Jahre: Rationalisierungswelle
Rationalisierungsmaßnahmen, bedingt 
durch den technologischen Fortschritt 
und verbunden mit einer Straffung von 
Arbeitsabläufen, begleiten die wirtschaft-
liche Entwicklung seit Beginn der Indus-
trialisierung. Doch es waren bis zu den 
1920er-Jahren oft nur einzelne Unter-
nehmen oder Branchen, die zu unter-
schiedlichen Zeiten von Umstrukturie-
rungen betroffen waren. In den 1920er-
Jahren setzte jedoch – in Österreich 
bedingt durch ein hohes Zinsniveau – ei-
ne breite „Rationalisierungswelle“ ein, die 
sich über alle Branchen bis hin zum 
Dienstleistungssektor zog. Die umfassen-
den Kostensenkungsprogramme durch 
die Anwendung aller produktivitätsför-
dernder Maßnahmen hatten in vielen 
Betrieben fatale Folgen für die Arbeitneh-
merInnen: Entlassungen, erhöhter Ar-
beitsdruck, verbunden mit der Zunahme 
von Arbeitsunfällen und Verlängerung 
von Arbeitszeiten, bei keinen oder nur 
geringen Lohnzuwächsen. Die volkswirt-
schaftlichen Kosten waren überdies durch 
die im konjunkturellen Aufschwung nach 
1924 sehr hohe Arbeitslosigkeit enorm.
1926: Arbeitswissenschaftsreferat
Nachdem sich die Unternehmen zuneh-
mend über das Rationalisierungs-
management austauschten, Komitees 
 bildeten und wissenschaftliche Einrich-
tungen gründeten, die produktivitäts-
steigernde Maßnahmen auszuloten ver-
suchten, stellte sich für die Gewerkschaf-
ten die Frage, wie dieser „Rationa-
lisierungswelle“ zu begegnen sei. Der Ob-
mann des Bundes der Industrieangestell-
ten (einer Vorläuferorganisation der GPA-
djp) Richard Seidel stellte dazu fest: „Es 
wäre falsch, wenn sich die Gewerkschaf-
ten den notwendigen Rationalisierungs-
bestrebungen widersetzen würden. Die 
Gewerkschaften können nicht zulassen, 
dass die Rationalisierung vor allem auf 
Kosten der ArbeitnehmerInnen und nur 
zugunsten der Unternehmer durchge-
führt wird. Sie müssen namentlich gegen 
die in vielen Fällen eintretenden Schädi-
gungen der Gesundheit auftreten.“ 
Um die arbeitswissenschaftliche For-
schung nicht allein den Unternehmern 
zu überlassen, wurde in der Wiener Ar-
beiterkammer 1926 ein arbeitswissen-
schaftliches Referat unter der Leitung 
von Hans Mars gegründet, welches be-
reits 1927 die Publikation „Rationalisie-
rung, Arbeitswissenschaft und Arbeiter-
schutz“ herausgab. Das Werk gab den 
Gewerkschaften eine erste Orientierung 
über die Methoden und Probleme des 
„Rationalisierungsmanagements“ und 
führte zur Gründung des „Fachausschus-
ses für gewerkschaftliche Rationalisie-
rungspolitik“ (AFAB) im Bund der In-
dustrieangestellten: „Die Rationalisie-
rungspolitik der Gewerkschaften muss 
darin bestehen, unmittelbar und mittel-
bar auf die Wirtschaftsführung so einzu-
wirken, dass die durch die kapitalistische 
Rationalisierung hervorgerufenen oder 
durch die Unterlassung der sozialen Ra-
tionalisierung verursachten Schädi-
gungen der physischen, psychischen und 
sittlichen Persönlichkeit und der wirt-
schaftlichen und sozialen Lage der ein-
zelnen Arbeitnehmer und ihrer ganzen 
Klasse abgewehrt und an ihrer Stelle die 
größtmögliche Verbesserung der wirt-
schaftlichen, gesundheitlichen und kul-
turellen Klassenlage gesetzt wird.“
1929: Rationalisierungspolitik
Die nun von AK und AFAB 1927 und 
1928 durchgeführten Untersuchungen 
wurden 1929 in einer vom Bund der 
 Industrieangestellten herausgegebenen 
 Publikation „Grundlagen und Richtlini-
en gewerkschaftlicher Rationalisierungs-
politik“ veröffentlicht. An konkreten Bei-
spielen von Unternehmen aus Österreich 
und Deutschland konnte festgestellt wer-
den, dass „Rationalisierung“ in den 
Klaus-Dieter Mulley
Institut für Geschichte der Gewerkschaften 
und AK
        

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