Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2013 21Schwerpunkt
etc. sind seit Jahren ein boomender Ge-
schäftszweig, viele Menschen verdienen 
damit viel Geld. CSR-Auszeichnungen 
und Gütesiegel machen sich für die 
 Unternehmen bezahlt. „Diese Firmen ver-
schaffen sich so Zutrittsrechte zu soge-
nannten nachhaltigen Investment- und 
auch Pensionsfonds, ein Milliarden-Ge-
schäft“, so Marieta Kaufmann, Geschäfts-
führerin des Netzwerks Soziale Verantwor-
tung (NeSoVe). CSR basiert auf Freiwil-
ligkeit, ein Faktum, das NGOs immer 
schon kritisiert haben. 2011 hat die EU 
in einer neuen Definition, nach der CSR 
kurz und bündig als „Verantwortung von 
Unternehmen für ihre Auswirkungen auf 
die Gesellschaft“ bezeichnet wird, bloß 
scheinbar die Freiwilligkeit entfernt, denn 
in der Mitteilung wurde festgehalten, dass 
bei der Entwicklung von CSR die Unter-
nehmen selbst federführend sein sollen. 
Behörden sollen allenfalls unterstützen. 
CSR als Minderheitenprogramm
Bis dato jedenfalls ist soziale Verantwor-
tung auch hierzulande eher für Groß-
unternehmen und internationale Kon-
zerne ein Thema – und selbst das in 
eher bescheidenen Ausmaßen. Lediglich 
20 Prozent der österreichischen Top- 
Unternehmen und nur sieben der 17 um-
satzstärksten öffentlichen Unternehmen 
erstellten 2011 Nachhaltigkeitsberichte. 
Wobei sich hier wieder die Frage stellt: 
Nach welchen Kriterien erfolgen derartige 
Berichte? Denn auch beim Berichtswesen 
kontrolliert die Industrie sich weitgehend 
selbst. Unter den Stakeholdern der 1997 
gegründeten Global Reporting Initiative 
(GRI) finden sich hauptsächlich Groß-
konzerne und Beratungsfirmen. 2011 be-
schloss der Ministerrat im Rahmen der 
Österreichischen Strategie Nachhaltige 
Entwicklung (ÖSTRAT) auch die Erstel -
lung eines nationalen CSR-Aktionsplanes. 
Eine minis terielle Steuerungsgruppe sollte 
gemeinsam mit bestehenden Organisa-
tionen wie NeSoVe und RespACT, der 
 Unternehmensplattform für CSR und 
nachhaltige Entwicklung, entsprechende 
Dokumente erarbeiten. NeSoVe kritisiert 
sowohl die bisherige Arbeitsweise als 
auch die Ergebnisse. „Insbesondere haben 
wir einen ernsten Diskurs über konkrete 
Inhalte gesellschaftlich verantwortlicher 
Handlungsweisen vermisst. Und die bis-
herigen Ergebnisse lassen befürchten, dass 
der CSR-NAP die staatliche Legitimation 
der üblichen CSR-Politik nach neolibe-
ralem Konzept wird“, erklärt Marieta 
Kaufmann. 
Schandfleck des Jahres
NeSoVe hat in diesem Zusammenhang 
Ende 2011 die Veranstaltungsreihe „Der 
ANDERE Dialog“ gestartet, wo entspre-
chende Forderungen an die Politik und 
die Wirtschaft erarbeitet werden sollen. 
Denn CSR-Politik muss zuerst an den 
Problemen und Bedürfnissen der Men-
schen ansetzen. Ein österreichischer CSR-
Aktionsplan sollte konkrete Ziele in allen 
relevanten Handlungsfeldern, also an-
spruchsvolle Indikatoren sowie Bench-
marks auf hohem Niveau, definieren und 
die Maßnahmen zu deren Erreichung fest-
legen. Soziale, ökologische und ökonomi-
sche Verantwortung in sämtlichen Berei-
chen sollte für alle Unternehmen ver-
pflichtend sein. Denn schließlich kann es 
durchaus vorkommen, dass etwa ein Bio-
laden seine Angestellten ausbeutet. Es geht 
nicht um einzelne Leuchtturmprojekte, 
sondern um gesellschaftliche Verantwor-
tung und Nachhaltigkeit im Kerngeschäft. 
Übrigens sind viele Unternehmen durch-
aus für verbindliche Regelungen. NeSoVe 
hat 2008 gemeinsam mit der Uni Graz 
und dem IFES-Institut 600 Unternehmen 
zu CSR befragt: Über 90 Prozent der Be-
triebe wünschten sich verpflichtende und 
transparente Überprüfungen sozialer und 
ökologischer Leistungen. Rund drei Vier-
tel sprachen sich für die Schaffung inter-
national verbindlicher Mindeststandards 
sowie für eine einklagbare Rechenschaft 
von Unternehmen für ihre gesamte Wert-
schöpfungskette aus. Allerdings ist zu be-
fürchten, dass die meisten Unternehmen 
dabei die Fortsetzung des Status quo im 
Hinterkopf hatten. Wirkliche Unterneh-
mensverantwortung setzt aber einen Pa-
radigmenwechsel im Verhältnis von Wirt-
schaft und Gesellschaft voraus. Bis es so 
weit ist, haben NeSoVe und andere NGOs 
noch einiges vor sich, wie etwa die Vor-
bereitung für den Schandfleck des Jahres, 
den 2012 der Handelsriese KiK (Jury-
preis) und Mayr-Melnhof Karton (Publi-
kumspreis) erhalten haben.
Internet: 
CSR-Broschüre, Kriterienkatalog etc. unter:
www.netzwerksozialeverantwortung.at
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an die Autorin
afadler@aon.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Wirkliche Unternehmensverantwortung setzt 
aber einen Paradigmenwechsel im Verhältnis 
von Wirtschaft und Gesellschaft voraus.  
Bis es so weit ist, haben NeSoVe und andere 
NGOs noch einiges vor sich, wie etwa die 
 Vor bereitung für den Schandfleck des Jahres, 
den 2012 der Handelsriese KiK (Jury preis)  
und Mayr-Melnhof Karton (Publikumspreis) 
 erhalten haben.
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