Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201334 Schwerpunkt
D
ie Erwachsenenbildungsausgaben 
sind in Österreich vergleichswei-
se sehr hoch – aber auch sehr un-
gleich verteilt. 631 Euro werden 
bei uns pro Kopf und Jahr dafür ausge-
geben. Diesen internationalen Spitzen-
wert hat eine von der AK in Auftrag ge-
gebene Studie errechnet. Diese Top-Po-
sition wird allerdings durch die über-
durchschnittlichen Bildungsausgaben 
der privaten Haushalte getragen. Bei 
(Weiter-)Bildung, die in der Arbeitszeit 
stattfindet bzw. von den Unternehmen 
zumindest teilweise finanziert wird, liegt 
die Republik demgegenüber nur im Mit-
telfeld. Wirklich problematisch erschei-
nen allerdings der derzeitige Gesamt-
trend und vor allem die Unterschiede 
zwischen Beschäftigtengruppen. Insge-
samt werden aktuell nämlich nur 31 Pro-
zent der ArbeitnehmerInnen über be-
triebliche Maßnahmen weitergebildet 
– Tendenz rückläufig. 
Jung, männlich und Führungskraft 
Wie Michael Tölle von der AK Wien 
ausführt, weist die innere Verteilung 
 dieser betrieblichen Weiterbildung eine 
extreme Schieflage auf: Nur 13 Prozent 
der ungelernten ArbeiterInnen, aber 
42 Prozent der leitenden Angestellten 
nehmen an ihr teil. Bemerkenswert er-
scheint zudem, dass sich laut Statistik 
Austria Frauen (35,1 Prozent) in höhe-
rem Ausmaß als Männer (25,1 Prozent) 
ausschließlich außerhalb der Arbeitszeit 
weiterbilden müssen. Markant sind 
ebenso die Differenzen zwischen unter-
schiedlichen Altersgruppen und Be-
triebsgrößen. ArbeitnehmerInnen in 
Großbetrieben sowie jüngere Beschäf-
tigte nehmen stärker an Weiterbildungs-
angeboten teil als andere Beschäftigte. 
Besonders deutlich – und in der Folge 
aufschlussreich – sind zudem die Unter-
schiede zwischen den Branchen.
Ein Euro für Bildung bringt 13 Euro
64 Prozent Weiterbildungsbeteiligung 
im Kredit- und Versicherungswesen ste-
hen nämlich nur 14 Prozent der Beschäf-
tigten im Gastgewerbe und 12 Prozent 
am Bau gegenüber, die sich an entspre-
chenden Maßnahmen beteiligen. Wäh-
rend die Banken 1,3 Prozent ihrer Per-
sonalkostensumme in betriebliche Wei-
terbildung investieren, sind es im 
Gastgewerbe gerade einmal 0,3 Prozent. 
Viele Bildungsexpertinnen und -exper-
ten sowie vor allem BildungsanbieterIn-
nen versuchen dieses Systemversagen mit 
der (eigenen) Marktlogik zu schlagen: 
Immerhin bringt schließlich jeder in 
Weiterbildung investierte Euro dem Un-
ternehmen 13 Euro – also eine extrem 
hohe Bildungsrendite. Warum aber wer-
den dann diese Argumente offensichtlich 
nicht gehört? 
Im Bankbereich haben mehr als 
50 Prozent der Beschäftigten eine Reife-
prüfung oder ein Studium abgeschlos-
sen. Branchen wie diese – also jene, in 
welchen MitarbeiterInnen in der Regel 
bereits über eine hohe Formalqualifika-
tion verfügen – gelten gleichzeitig nicht 
nur als besonders weiterbildungsfreu-
dig. Aktuelle Studien zeigen: Bildung 
wird hier zudem stark als Belohnung für 
gute Leistung gedacht bzw. unter dem 
Vorzeichen der Persönlichkeitsentwick-
lung forciert. Umgekehrt stehen die un-
mittelbaren betrieblichen Erfordernisse 
und die Verpflichtung der Beschäftigten 
zur Weiterbildung nicht unbedingt im 
Vordergrund. Eine positive „Kultur“ 
der Weiterbildung ist somit vorhanden. 
In Branchen wie dem Bau- oder Gast-
gewerbe hat demgegenüber mehr als die 
Hälfte der Beschäftigten maximal einen 
Lehrabschluss. Gleichzeitig existiert 
hier die geringste Weiterbildungsquote. 
Der Nutzen von Weiterbildung wird in 
der Belegschaft viel weniger anerkannt 
als in den vorher genannten Bereichen. 
Konservative Ansätze erklären solche 
Einstellungen ganz einfach mit der 
starken Präsenz von „weniger begabten“ 
oder „bildungsfernen“ Schichten, die 
sich eben in gewissen Branchen konzen-
trieren würden. Aktuelle Studien geben 
demgegenüber deutliche Hinweise da-
rauf, dass gerade auch die Führungsebe-
nen in „manuellen“ Berufsfeldern dem 
Nutzen betrieblicher Weiterbildung be-
sonders skeptisch gegenüber stehen. Ein 
Blick in die einschlägigen Kollektivver-
träge, Abschnitt Bildung (so überhaupt 
vorhanden), bestätigt dieses Bild oft 
drastisch. Das ist fatal, weil umgekehrt 
gerade die ArbeitnehmerInnen in die-
sen Bereichen auch besonders stark der 
Meinung sind, dass Weiterbildung ei-
gentlich Sache des Betriebes ist. 
Abschlüsse nicht anerkannt
Einen Sonderfall stellen zudem bereits 
qualifizierte Personen mit Migrations-
Bildung nicht nur für ManagerInnen
Wichtige Branchen halten Weiterbildung  
von den Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmern fern.
John Evers
Erwachsenenbildner und Historiker
        

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