Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2013 43Wirtschaft&Arbeitsmarkt Nicht nur haben sich in diesem Bereich gegenüber 2007 die „harten“ Indikatoren für Österreich im Durchschnitt verbessert und sich gleichzeitig die über Umfragen unter Managerinnen und Managern er- mittelten „weichen“ Werte verschlechtert, was allein schon Stoff zum Nachdenken gibt. Die Regeln der Arithmetik ließen es auch erwarten, dass – wenn, wie in diesem Fall, beide Gruppen etwa gleich gewichtet sind – der Durchschnitt aus einer Ver- besserung der einen Indikatoren um etwa 20 Prozent und einer Verschlechterung der anderen um ebenfalls etwa 20 Prozent einen Wert um Null ergeben sollte. Das IMD bewertet jedoch das Aggregat „Government Efficiency“ für Österreich um 40 Prozent schlechter. Dies deshalb, weil seiner Berechnungsmethode die rela- tive Position gegenüber dem Gesamt- durchschnitt zugrunde liegt. Auf diese Art verliert ein Land selbst dann, wenn es sich absolut gesehen deutlich verbessert, aber gegenüber dem Gesamtdurchschnitt ein wenig verschlechtert, nicht nur Plätze; es wird auch schlechter benotet. Da im Mit- tefeld, in dem sich auch Österreich befin- det, das Gedränge meistens am größten ist, wird man so sehr schnell nach hinten durchgereicht, ohne tatsächlich entschei- dend an Boden verloren zu haben. Wer wird befragt und wie viele? Damit nicht genug. Wie schon angedeu- tet, beruhen die Rankings zu einem guten Teil auf Umfragedaten. Das Verhältnis von „weichen“ zu „harten“ (die oft keine sind, weil aus anderen Rankings übernommen) Daten beträgt beim WCS 1 : 2, beim GCI gar 2 : 1. Ausgewählt werden die Befragten mit Hilfe nationaler Partner- institutionen – in Österreich für GCI das WIFO, für WCS die Industriellenvereini- gung. Die Gesamtzahl der hierzulande Befragten wird vom GCI mit 99 angeben. Das WCS enthält uns diese Zahl vor, je- doch kann aus der Tatsache, dass sie von der Größe des BIP des jeweiligen Landes abhängt, und dem Gesamtwert von 4.200 für 60 Länder geschlossen werden, dass sie nicht größer als 25 ist, eine nicht sehr imposante Stichprobe. Man muss außerdem kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um es für möglich zu halten, dass die Stellung- nahmen einer derart kleinen Zahl an von der IV ausgewählter Befragten eher abge- sprochen und taktisch motiviert als um ein objektives Bild der Lage bemüht sein könnten. Jedenfalls fällt bei den unter „Government Efficiency“ abgefragten In- dikatoren zum Beispiel auf, dass Öster- reich seit 2007 bei „Chancengleichheit“ in der EU-internen Wertung eine Tal- fahrt vom stolzen ersten auf den dürf- tigen 21. Platz hinter sich hat oder allein von 2012 auf 2013 die Benotung beim Indikator „Sozialer Zusammenhalt“ um ein Drittel schlechter geworden ist, wäh- rend es bei beiden Indikatoren zwischen 2001 und 2007 wahre Höhenflüge erlebt hat. Man fragt sich auch, warum heuer der Einfluss der Politik der EZB auf die nationale Wirtschaftsentwicklung in Deutschland um 5 Prozent besser, in Ös- terreich dagegen um 17 Prozent schlech- ter als 2007 eingeschätzt wird. Der von den Proponenten der Stand- ortrankings durch Tausende von mit komplexen Berechnungsmethoden ag- gregierten Daten und entsprechender medialer Vermarktung erzeugte Schein einer objektiven, wissenschaftlich fun- dierten und exakten Messung von Wett- bewerbsfähigkeit erleidet also schon beim ersten genauerem Hinsehen tiefe Kratzer. Was bliebe davon erst bei einer breiter angelegten Analyse übrig? Sieger sehen anders aus PS: Manche vordergründig schlechte Plat- zierungen in diesen Rankings können so- gar als Auszeichnung gewertet werden. Wenn zum Beispiel das erst vor Kurzem wegen der Sklaverei ähnlichen Behand- lung seiner ausländischen Arbeitskräfte am Pranger gestandene Katar im Bereich „Arbeitsmarkteffizienz“ des GCI den 6. Platz einnimmt, dann befindet sich Österreich auf seinem bescheidenen 42. wahrscheinlich in besserer Gesellschaft als ganz oben. Internet: Hilfecenter der Wirtschaftskammer Österreich: tinyurl.com/p38rjuk World Economic Forum (WEF): www.weforum.org World Competitiveness Scoreboard (WCS) des IMD: www.imd.org Miriam Rehm zum Thema im Blog der A&W: tinyurl.com/q7j4v67 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor robert.stoeger@drei.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Selbst wenn man diese und andere Bedenken beiseite wischt und den Standortvergleichen eine gewisse Aussagekraft über die Perspek- tiven der von ihnen unter die Lupe genom- menen Volkswirtschaften zubilligen will, stößt man sehr bald auf weitere Fragwürdigkeiten.

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