Full text: Rund um Europa (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201416 Schwerpunkt
W
issen Sie, woher „Ihre“ Haus-
hälterin, Putzfrau, Raumpfle-
gerin, Babysitterin, „Perle“ 
oder schlicht bezeichnet Haus-
arbeiterin stammt? Wissen Sie, ob sie zu 
versorgende Kinder hat? Wissen Sie, wie 
sie ihre Arztrechnungen bezahlt? Oder 
welche Ausbildung sie hat? Wann haben 
Sie ihr zum letzten Mal eine Gehaltser-
höhung angeboten? Entsprechend Ihren 
eigenen Biennalsprüngen?
Das sind Fragen an Haushalte, die 
es sich finanziell leisten können, das 
Konfliktfeld „Wer soll aufräumen?“ 
auszulagern. Das sind auch Fragen, die 
auf den ersten Blick moralisierend da-
herkommen, aber auf den zweiten Blick 
ein weites Feld struktureller Ungleich-
heiten und erstaunlicher Biografien zu 
Tage bringen. Vor dem Hintergrund 
dieses Beitrags1, der der transnationalen 
Haushaltsorganisation ukrainischer 
Migrantinnen zwischen ihrem Her-
kunftskontext und diversen Wiener 
Haushalten auf den Grund geht, kön-
nen Sie diese Fragen vielleicht unter 
einem veränderten Blickwinkel be-
trachten.
Die Haushalte der Haushälterinnen
Migrantinnen sind als bezahlte Hausar-
beiterinnen wesentliche Akteurinnen in 
der Aufrechterhaltung von Haushalten 
an unterschiedlichen Orten. Einerseits 
tragen sie als Lohnarbeiterinnen zur so-
zialen Reproduktion europäischer Pri-
vathaushalte bei. Die Arbeitsverhältnis-
se in privaten Haushalten sind meistens 
informell, das heißt ohne sozialversiche-
rungsrechtliche Ansprüche und mit ein-
geschränkten kollektiven Durchset-
zungsmöglichkeiten.2 In Zusammen-
hang steht diese Prekarität mit der 
Unsicherheit des aufenthalts- oder be-
schäftigungsrechtlichen Status der Mig-
rantinnen, mit dem ungleichen Zugang 
zu sozialer Absicherung und sozialen 
Leistungen und mit der ungleichen An-
erkennung von Qualifikationen. 
Andererseits sind sie als „female 
breadwinners“ für die Finanzierung des 
Haushalts in ihrem Herkunftsland ver-
antwortlich. Bezahlte Haushaltsarbeit 
als Einkommensquelle von Migran-
tinnen ist ein relevanter Faktor der Re-
produktion ihrer eigenen Haushalte im 
Herkunftsland. Mit dem daraus ver-
dienten Geld werden Ausbildungen, 
die Renovierung von Häusern, gesund-
heitliche Dienstleistungen oder eine 
Hausarbeiterin bezahlt, die sich um die 
unmittelbare Versorgung des Haushalts 
und der Kinder kümmert. 
Strukturelle Ungleichheiten
Die Bedingungen ökonomischer, sozia-
ler und biologischer Reproduktion zwi-
schen denen, die die Haushaltsdienst-
leistungen anbieten und jenen, die sie 
nachfragen, sind äußerst ungleich.3 Sei-
en es Arbeitsbedingungen, Arbeits-
marktsegregation, soziale oder politische 
Rechte, Migrantinnen und Migranten 
sind gegenüber Staatsbürgerinnen und 
Staatsbürgern mehrfach benachteiligt. 
Ein besonderes Paradox ist jenes der not-
wendig grenzüberschreitenden Haus-
haltsorganisation von Migrantinnen: 
Während Migrantinnen zur Reproduk-
tion der nachfolgenden Generation in 
jenen Ländern, wo sie als Haushaltsar-
beiterin oder als Krankenschwester tätig 
sind, beitragen, sind sie gleichzeitig for-
mell-rechtlichen Beschränkungen un-
terworfen, ihre eigenen Familien zusam-
menzuführen. 
Familie oder Arbeit
Verfügt eine Migrantin über eine Auf-
enthaltserlaubnis für sich selbst, bedeu-
tet das nicht, dass ihre Kinder oder 
nächsten Verwandten mit einreisen oder 
nachreisen könnten. Entsprechend gibt 
es für sie meist nur die Wahl zwischen 
gemeinsamem Familienleben oder Ar-
beit im Ausland ohne Familienzusam-
Bettina Haidinger
Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, 
Wien
Zwischen jetzt und dort – 
 zwischen hier und später 
Transnationale Lebens- und Arbeitsverhältnisse ukrainischer Haushaltsarbeiterinnen.
1  Bettina Haidinger (2013): Hausfrau für zwei Länder sein. Zur Re-
produktion des transnationalen Haushalts. Münster.
2  Arbeitskreis Undokumentiert Arbeiten/AK Wien (2013): Arbeiten 
ohne Papiere, aber nicht ohne Rechte. Wien. http://media.arbei-
terkammer.at/wien/PDF/Publikationen/ArbeitundRecht/Arbei-
ten_ohne_Papiere.pdf 
3  Rhacel Salazar Parre?as (2005): Children of Global Migration. 
Stanford.
B U C H T I P P
Bettina Haidinger:
Hausfrau für zwei Länder sein
Zur Reproduktion des 
 trans nationalen Haushalts
Westfälisches Dampfboot, 
2013, 289 Seiten, € 29,90
ISBN: 978-3-89691-931-1
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

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