Full text: Den Stier bei den Hörnern packen (3)

11Arbeit&Wirtschaft 3/2014
kam dabei mit der Arbeiterbewegung in 
 Kontakt. In Wien organisierten er, der Ver - 
golder Andreas Scheu und andere 1869 die 
große und erfolgreiche Demonstration für 
 Koalitionsfreiheit. 
Als „Rädelsführer“ verurteilt, wurden die 
 Organisatoren zwar bald amnestiert, aber 
Most schob man nach Deutschland ab, das 
ihn dann ebenfalls vertrieb. Er ging nach 
 London, gab dort ab 1879 die Zeitung „Frei-
heit“ heraus und wendete sich schließlich 
dem Anarchismus zu. Scheu floh nach einer 
neuerlichen Verhaftung in Prag ebenfalls nach 
England. 
Er schrieb dort für die damals noch nicht an-
archistische „Freiheit“, die illegal in das Habs-
burgerreich eingeschmuggelt wurde. Als Mit-
begründer der „Socialist  League“ seines 
Freundes, des Malers und Designers William 
Morris, zählt er zu den Pionieren der Labour 
Party.
Franz Domes, Vorsitzender des Metallarbeiter-
verbands und der Gewerkschaftskommission 
und erster Arbeiterkammerpräsident in Wien, 
durchquerte Europa ebenfalls auf der Flucht 
vor Verfolgung, bevor er die Wiener Metall-
arbeiterInnen organisierte:
Die große Sozialistenverfolgung trieb 
mich … ins Ausland, ich ging auf 
W anderschaft und bereiste als Hand-
werksbursche Oberösterreich, Salzburg, 
Bayern, die Schweiz, kam bis Paris, … 
Im Jahr 2014 besteht die europäische Arbei-
ter- und Gewerkschaftsbewegung aus Orga-
nisationen mit höchst unterschiedlichen Tra-
ditionen und Strategien. Aber die Tatsache, 
dass es sie überhaupt gibt, ist durch enge 
wechselseitige Einflüsse über Staatsgrenzen 
hinweg begründet. Handwerksgesellen wan-
derten noch vor 140 Jahren auf Arbeitssuche 
durch halb Europa, kamen dabei oft mit der 
Arbeiterbewegung in Berührung und trugen 
deren Ideen weiter – wie zum Beispiel Emil 
Kralik.
Kralik, einer der Pioniere der österreichischen 
Buchdruckergewerkschaft und später sozial-
demokratischer Journalist, begann 1881 sei-
ne Wanderung. Sie führte ihn zunächst durch 
Italien, die Schweiz und Frankreich bis nach 
Paris, wo er zwei Jahre lang arbeitete. Nach 
seinem Militärdienst ging er nach Kopenha-
gen und arbeitete in einer sozialdemokra-
tischen Druckerei.  
Gesellen, die sich den jungen sozialdemokra-
tischen Vereinen angeschlossen hatten und 
deshalb in der Habsburgermonarchie und in 
Deutschland verfolgt wurden, transportierten 
ebenfalls Ideen und Verbindungen über den 
Kontinent. Manche blieben für immer oder 
 zumindest für lange Zeit weg, hielten aber 
oft noch Kontakt mit der alten Heimat, wie 
Johann Most und Andreas Scheu.
Der Augsburger Buchbindergeselle Johann 
Most zog ab 1863 auf der Walz durch 
 Deutschland, Ungarn und die Schweiz und 
Europäisch durchwachsen
Die Arbeiterbewegung als Opposition gegen soziales Unrecht und politische Willkür 
formte sich im übernationalen Austausch.
ging nach Norditalien, Mailand und 
Venedig. Auch dort konnte ich Arbeit 
nicht finden, ging über Südtirol wieder 
nach Triest, Kroatien, Ungarn, Mähren, 
Böhmen bis Warschau, wo ich Arbeit 
fand. … Von dort aus ging die Reise nach 
Preußen und Sachsen, nach fast 18-mo-
natiger Wanderschaft kam ich wieder 
nach Wien. 
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
Historie
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Die Titelseite des Grundsatzprogramms der 
„Socialist League“ von 1885 mit dem Aufruf 
„Verbreitet die Idee einer sozial gerechten 
Gesellschaft – Organisiert euch!“ Der 
 Österreicher Andreas Scheu war an der 
 Beschlussfassung maßgeblich beteiligt.
        

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