Full text: Den Stier bei den Hörnern packen (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/20144 Arbeit&Wirtschaft 10 1Historie
Europa und der Stier
S
ie stammte aus Asien, die schöne 
Tochter des phönizischen Königs 
Agenor und der Telephassa: Euro-
pa, „die Frau mit der weiten Sicht“, 
was der Name im Altgriechischen bedeu-
tet. Der Göttervater Zeus begehrte sie und 
näherte sich ihr – auch seiner eifersüch-
tigen Frau Hera wegen – in Gestalt eines 
Stieres. Europa, die mit ihren Gefähr-
tinnen am Strand spielte, gefiel das zu-
trauliche Tier, sie schmückte es mit Blu-
men,  packte den Stier schließlich bei den 
Hörnern und kletterte auf seinen Rücken. 
Da entführte er sie übers Meer nach Kre-
ta. Dort nahm er wieder göttliche Gestalt 
an und zeugte mit Europa drei Söhne: 
Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Die 
Liebesgöttin Aphrodite benannte schließ-
lich den Erdteil nach ihr.  Schriftlich über-
liefert wurde die Sage ab dem 6. Jahrhun-
dert vor Christus. 
Verführung oder Entführung?
Der Geograf und Historiker Herodot ver-
bindet damals als erster den Erdteil mit 
der Prinzessin: „Von Europa aber weiß kein 
Mensch, ob es vom Meer umflossen oder 
wonach es benannt ist, auch nicht, wer 
ihm den Namen Europa gegeben hat, 
wenn wir nicht annehmen wollen, dass 
von der Tyrierin Europa das Land den Na-
men bekommen hat. Vorher war es natür-
lich namenlos wie die anderen.“ Eine schö-
ne Geschichte, die unserem Europa zum 
Taufgeschenk gemacht wurde, erzählt und 
illustriert von den gern zitierten „alten 
Griechen und den Römern“ und wohl 
auch den Frauen. Es war also Liebe auf den 
ersten Blick, liest man bei Ovid und den 
anderen, und dass die schöne Königstoch-
ter den Stier freiwillig bestiegen hat, ver-
mitteln die meisten Bilder.  Erst in späterer 
Tradierung wurde aus der Verführung eine 
Entführung, ein Raub gar, erst hier kommt 
Gewalt ins Spiel. Ob die Täuschung des 
Göttervaters für die junge Frau dann zur 
Enttäuschung wurde, ist nicht übermittelt. 
Die meisten HistorikerInnen sind sich ei-
nig, dass die phönizische Königstochter, 
die am Anfang Europas steht, Symbol ist 
für den Einfluss des orientalischen Kultur-
kreises – Ägypten, Mesopotamien, Anato-
lien – auf den Westen, auf das von Hero-
dot beschriebene diffuse Europa. Kein 
echter Kontinent, mehr eine Idee, ein 
 Mythos, so sahen es schon früh einige.
Entmystifiziert sehen es heute viele. 
Was aus dem „Mythos Europa“ gewor-
den ist, kann man gerade in Griechen-
land gut beobachten. Viele fühlen sich 
ent- oder getäuscht oder gar verführt. Da 
sitzt sie nun, die Königstochter mit ihrer 
Kinderschar, und der Göttervater hat 
sich längst wieder aus dem Staub ge-
macht. Aus dem Stier ist ein Bulle gewor-
den, der die Aktienkurse nach oben 
treibt. Europa hat die Krise.
Handeln. Mitmachen. Bewegen.
Ich habe zu den ziemlich genau zwei Drit-
teln ÖsterreicherInnen gehört, die vor 
zwanzig Jahren für einen Beitritt unseres 
Landes zur Europäischen Union ge-
stimmt haben. Wir haben den Stier bei 
den Hörnern gepackt und sind aufgebro-
chen in eine ungewisse Zukunft. Ein Auf-
bruch, der sich gelohnt hat. Grenzen sind 
verschwunden, Möglichkeiten haben sich 
eröffnet. Doch damit uns der Stier nicht 
einfach entführt, müssen wir ihn lenken 
und steuern. Um seine Kraft zu nützen, 
müssen wir die richtigen, wichtigen Im-
pulse setzen und dürfen uns nicht von 
neoliberalen Bullen und Bären blenden 
lassen. Wir müssen aufpassen, dass der 
Stier nicht zu weit nach rechts abdriftet. 
Und wir müssen ihn auch ein wenig lie-
ben, den Stier, seine Schönheit erkennen 
und ihn nicht von hinten aufzäumen. 
Dann wird er uns weit tragen und uns 
mit seiner Kraft nützen. 
Um das zu erreichen, muss man im-
mer wieder den Stier bei den Hörnern 
fassen. Am besten indem man zur Wahl 
zum Europäischen Parlament geht – am 
25. Mai 2014. Handeln. Mitmachen. 
 Bewegen.
Katharina Klee
Chefredakteurin
Standpunkt
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