Full text: Das Märchen vom Sparen (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/201412 Schwerpunkt
Alles, was (un)gerecht ist 
Oft ist die Rede vom gerechten Krieg oder von ungerechtem Sparen. Aber was 
bedeutet Gerechtigkeit wirklich? Seit Tausenden Jahren sucht man nach der Antwort. 
S
chon in der „Politeia“ widmet sich 
der große Philosoph Platon ganz 
der Frage der Gerechtigkeit und 
deren Verwirklichung in einem 
idealen Staat. In Bezugnahme auf seinen 
Lehrer Sokrates erklärt Platon, gerecht 
sei, wenn jeder/jede das macht, was er/
sie am besten kann. „Jeder tue das Seine 
und mische sich nicht in Dinge, die ihn 
nichts angehen“, heißt es. Analog dazu 
solle jeder das Seine bekommen, aber 
auch niemandem das Seine genommen 
werden. Der Rechtsgelehrte Ulpian er-
klärte ähnlich lautend: „Gib jedem das 
Seine!“ An dieser Stelle wollen wir nicht 
darauf eingehen, dass die Nationalsozia-
listen den Spruch „Jedem das Seine“ (In-
schrift auf dem Eingangstor des Konzen-
trationslagers Buchenwald) für ihre men-
schenverachtende Politik instrumentali-
siert haben – dafür können die antiken 
Denker natürlich nichts! Entscheidend 
ist jedoch, wie bzw. von wem festgestellt 
wird, wie Güter und Pflichten verteilt 
werden sollen. 
Ebenen der Gerechtigkeit
Elisabeth Holzleithner – sie lehrt am In-
stitut für Rechtsphilosophie, Religions- 
und Kulturrecht der Uni Wien – meint 
dazu: „Es kommt darauf an, von welcher 
Ebene wir sprechen, die von Gerechtig-
keit betroffen ist. In der Rechtsetzung ist 
der parlamentarische Gesetzgeber verant-
wortlich. Nach klaren Regeln und einem 
Diskussionsprozess werden Gesetze fest-
gelegt. Es stellt sich natürlich die Frage, 
wie partizipatorisch diese Entscheidungs-
findungen ablaufen, wie weit also die Be-
troffenen bei der Umsetzung in die Rea-
lität einbezogen werden.“ Das wird letzt-
lich in der Praxis entschieden und erfolgt 
in Österreich bekanntlich durch eine re-
präsentative Demokratie. In Autokratien 
findet hingegen keine (oder eine sehr mä-
ßige) Beteiligung eines Großteils der Be-
troffenen statt, was per se ungerecht ist. 
Gerechtigkeit ist also immer mit einem 
Diskurs verbunden.
Freiheit: der springende Punkt
Abgesehen vom Verfahren der Gerechtig-
keitsfindung bleibt zu klären, ob es eine 
universelle Gerechtigkeit gibt oder ob die-
se immer „regional“ bzw. kulturell be-
grenzt sein muss. Holzleithner hat sich 
dazu unter anderem in ihrem Buch „Ge-
rechtigkeit“ (ein Band der vom bekannten 
Philosophen Konrad Paul Liessmann her-
ausgegebenen Reihe „Grundbegriffe der 
europäischen Geistesgeschichte“) intensiv 
beschäftigt: „Beim Nachdenken über Ge-
rechtigkeit hat sich ein unhintergehbares 
Prinzip herausgebildet, nämlich die Vor-
stellung, dass Personen gleichermaßen frei 
sind. Jeder soll autonom über sein Leben 
bestimmen, so weit das möglich ist und 
nicht mit der gleichen Freiheit anderer 
kollidiert. Das bedeutet, dass niemand 
unbesehen zum Objekt degradiert werden 
darf, über das willkürlich bestimmt wird. 
Jeder Mensch verdient Achtung und Be-
rücksichtigung.“ Ansonsten werden laut 
der Expertin Personen und Personengrup-
pen zu „verfügbarem Material“, dem 
möglicherweise sogar die Existenzberech-
tigung abgesprochen wird, wie das im 
Nazi-Regime und anderen Diktaturen der 
Fall war. Holzleithner meint, dass aufbau-
end auf dem Grundprinzip der gleichen 
Freiheit die praktischen (Detail-)Fragen 
der gerechten Verteilung in Angriff ge-
nommen werden sollten.
Gerechtigkeit und Solidarität
Das Stichwort der gerechten Verteilung 
führt uns wiederum zum Begriff der So-
lidarität. Hier streiten sich Gelehrte, un-
terschiedliche Interessenvertretungen 
und politische Parteien darüber, ob Ge-
rechtigkeit mit Solidarität gleichzusetzen 
ist. So meinte etwa John Rawls (1921–
2002), der führende Denker zeitgenössi-
scher Gerechtigkeitstheorie, dass in einer 
Gesellschaft kooperierender Mitglieder 
jeder etwas leisten müsse. Menschen, die 
keinen adäquaten Beitrag beisteuern, sei-
en quasi Trittbrettfahrer, für die wenig 
Platz in dieser Gemeinschaft sei. Der 
wirtschaftsliberale Ansatz nach der Schu-
le von Adam Smith oder des österreichi-
schen Wirtschaftsnobelpreisträgers Fried-
rich August von Hayek hält staatliche Ein-
Harald Kolerus
Freier Wirtschaftsjournalist B U C H T I P P
Michael J. Sandel:
Gerechtigkeit 
Wie wir das Richtige tun 
Ullstein Verlag, 2013, 
416 Seiten, € 21,99
ISBN: 978-3-5500-8009-8
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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