Full text: Reich der Vielfalt (5)

Arbeit&Wirtschaft 5/201438 Schwerpunkt
Westliche Opiumkrieger  
und chinesische BoxerInnen
Aus Chinas „Jahrzehnten der Schande“ 1830 bis 1905.
U
m die Einfuhr von Opium nach 
China zu erzwingen, führte Eng-
land verbrecherische Kriege. Die 
dadurch erschütterte chinesische 
Herrschaft konnte sich nicht mehr stabi-
lisieren. Innere Unruhen, ökologische 
Katastrophen und die alliierte Nieder-
schlagung des „Boxeraufstandes“ führten 
das Land unter Kuratel des westlichen 
Imperialismus.
Globaler Handel im 18. Jahrhundert
China war bereits seit dem 16. Jahrhun-
dert in den globalen Handel eingebun-
den. Es exportierte Seide, Tee, Keramik, 
Gewürze und Lacke und erhielt dafür 
Silberpesos, aber auch europäische Waf-
fen und Manufakturwaren. Im 18. und 
19. Jahrhundert erlebte China geradezu 
einen Boom: Am zentralen chinesischen 
Handelsplatz stieg die Tonnage ausländi-
scher Schiffe innerhalb von 100 Jahren 
von rund 2.800 Tonnen im Jahr 1726 auf 
rund 37.000 Tonnen im Jahr 1833. 
Nachdem Silber für die Händler als  Ware 
und Tauschmittel immer teurer wurde, 
begann man, nach Alternativen zu su-
chen, um die europäische Nachfrage, vor 
allem nach Tee, befriedigen zu können. 
Dabei kam man auf Opium, dessen Ein-
fuhr nach China zwar verboten war, das 
jedoch leicht erzeugt werden konnte, we-
nig Frachtraum einnahm und Handels-
defizite ausgleichen konnte. Bereits im 
17. Jahrhundert begannen englische und 
holländische Händler, Tabak mit Opium 
zu versehen, und führten damit die  Droge 
in China ein, die sich bald zunehmender 
Beliebtheit erfreute. Bereits 1729 verbot 
der chinesische Kaiserhof den Verkauf 
von Opium durch ein Edikt, welches 
 immer wieder erneuert werden sollte.
Opium statt Silber
Die „Britische Ostindien-Kompanie“ 
wiederum, damals die größte Handels-
gesellschaft der Welt, die wie kaum eine 
andere den globalen Handel dominierte, 
sah in der illegalen Einfuhr von Opium 
nach China bald die Chance, die Kosten 
ihrer Einkäufe zu minimieren und ihre 
Profite zu maximieren. Die Einnahmen 
aus dem illegalen Opiumverkauf überstie-
gen bald die Ausgaben für die Einkäufe 
chinesischer Waren. Für China bedeutete 
dies ein Handelsdefizit und einen zuneh-
menden Abfluss seiner (Silber-)Währung. 
Kurz: Statt Silber bekam  China für seine 
Waren volkswirtschaftlich wertloses, ge-
sellschaftspolitisch schädliches Opium. 
Dies musste in der Folge zu einer Zerrüt-
tung der chinesischen (Silber-)Währung 
führen, zumal die unter dem Einfluss der 
englischen und bald auch amerikanischen 
Händler stehenden chinesischen Distri-
butoren die illegale Opiumeinfuhr mit 
Silberpesos zu begleichen hatten. Mit den 
von China bezahlten Silberpesos wurden 
nicht nur gigantische Profite erwirtschaf-
tet, sondern auch die Anlage von Opium-
latifundien in Indien und anderen Kolo-
nien finanziert, wodurch sich das britische 
Empire weitgehend durch Grundeinnah-
men und auf den Opiumtransport erhal-
tene Steuern finanzieren konnte. In  China 
nahm die Anzahl der Opiumsüchtigen 
insbesondere im Bereich des Militärs, 
der Beamtenschaft und auch innerhalb 
des Kaiserhofes rasant zu, was zu einer 
Destabilisierung des politischen Systems 
führte.
Als 1839 mit Opium handelnde 
Ausländer in Kanton interniert wurden 
und über 1.400 Tonnen nach China ge-
schmuggeltes Opium verbrannt wur-
den, sandte Großbritannien Truppen, 
die Landstriche an der südostchine-
sischen Küste besetzten. Im Friedens-
diktat von Nanking 1842, dem ersten 
der „ungleichen Verträge“, wurde China 
zu Reparationszahlungen, der Abtre-
tung von Hongkong, der Öffnung von 
Häfen und zur Akzeptanz eines unbe-
schränkten Handels verpflichtet. Als 
China 1856 erneut dem Opium-
schmuggel Einhalt zu gebieten suchte, 
kam es wiederum zu einer militärischen 
Intervention, diesmal unter der Beteili-
gung Frankreichs und der USA (2. und 
3. Opiumkrieg von 1856 und 1860), 
die bis zur Einnahme und Plünderung 
von Peking führte. Die Westmächte er-
zwangen unter anderem die Legalisie-
rung des Opiumhandels, die Öffnung 
weiterer Hafenstädte und die Errich-
tung eines exterritorialen Gesandt-
schaftsviertels in der bis dahin geschlos-
senen Stadt Peking.
Europäische Modernisierung?
Vielfach wird – völlig zu Unrecht, wie die 
Berliner Sinologin und Gastprofessorin 
an chinesischen Universitäten Mechthild 
Leutner treffend nachweisen kann – der 
Opiumkrieg abseits von verbrecherischen 
Kriegen als Einzug der „europäischen 
Klaus-Dieter Mulley
Institut für Geschichte der Gewerkschaften  
und AK
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.