Volltext: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201412 Schwerpunkt
Mit gerechter Verteilung zu Freiheit 
Wesentliche Schritte sind die Besteuerung von Vermögen, die Entlastung der Arbeit, 
der Ausbau sozialer Dienste sowie Arbeitszeitverkürzung.
A
m Vorabend des Ersten Weltkrieges 
besaß das oberste Prozent der 
Haushalte in Frankreich 60 Prozent 
des gesamten Vermögens, in Groß-
britannien sogar fast 70 Prozent, ein Groß-
teil davon war ererbt. Mit diesen und vie-
len anderen Daten besticht Thomas Pi-
ketty in seinem grandiosen Buch „Capital 
in the Twenty-First Century“, das Anfang 
Oktober auf Deutsch erscheint (siehe „Das 
Erbe der Ungleicheit“, S. 18?19). Um 
1900 erbte die abgehobene Vermögensa-
ristokratie mehr, als der Großteil der Be-
völkerung im ganzen Leben durch Er-
werbsarbeit – meist als Dienstbotinnen 
und Dienstboten für die Reichen – ver-
dienen konnte. Diese extreme Ungleich-
heit äußerte sich in einzementierten sozi-
alen Strukturen, wirtschaftlichem Nieder-
gang und gesellschaftlicher Instabilität.
Piketty sieht unsere reichen Gesell-
schaften heute auf ähnliche Probleme 
zusteuern. Denn die Vermögen der pri-
vaten Haushalte werden bald wieder das 
Fünf- bis Sechsfache der jährlichen 
Wirtschaftsleistung betragen. So erfreu-
lich dieser rasche Anstieg ist, so gefähr-
lich ist die enorme Konzentration dieses 
Vermögens: Heute besitzt ein Prozent 
(37.000 Haushalte) in Österreich bereits 
wieder 37 Prozent des Vermögens, das 
heißt etwa 470 von insgesamt 1.250 
Milliarden Euro. Die Verteilung der Ein-
kommen ist zwar weniger ungleich als 
jene der Vermögen, doch in den USA 
beträgt der Anteil des obersten Prozents 
aufgrund der enormen Einkommen der 
Supermanager und Superrentiers bereits 
wieder ein Viertel – und damit so viel 
wie vor der Weltwirtschaftskrise der 
1930er-Jahre.
Schlecht für den Sozialstaat
Die negativen Folgen zunehmender Un-
gleichheit sind offensichtlich: Wachsen die 
Einkommen aus Arbeitsleistung nicht, die 
leistungslosen Einkommen aus Vermö-
gensbesitz hingegen rasch, entstehen 
falsche Anreize und der Wohlstand sinkt. 
Konkret: Sinken die Einkommen jener, 
die viel konsumieren, dann fehlt die Nach-
frage nach Gütern sowie Dienstleistungen 
und Arbeitslosigkeit entsteht. Nehmen die 
Einkommen jener zu, die den Großteil 
sparen, und sind Vermögen stark konzen-
triert, dann wird risikoreich veranlagt. Das 
wiederum mündet in spekulative Blasen 
auf den Finanzmärkten und löst schwere 
wirtschaftliche Krisen wie in den 1930er-
Jahren oder seit dem Jahr 2007 aus. Das 
ungleiche Wachstum der Einkommen hat 
auch für den Sozialstaat negative Konse-
quenzen: Ruht seine Finanzierung primär 
auf den schwach steigenden Lohneinkom-
men und nicht auf den stark wachsenden 
Vermögen, dann ist er gefährdet. Die 
starke Konzentration der Vermögen führt 
zu einer Verschiebung der Macht zuguns-
ten einer kleinen Elite, die Medien und 
öffentliche Meinung kontrolliert und ihre 
Klientelpolitik in den Hinterzimmern be-
treibt. Dadurch sind letztlich Demokratie 
und Freiheit gefährdet.
Emanzipatorische Kräfte wie Ge-
werkschaften und soziale Bewegungen 
müssen der Gefährdung der demokrati-
schen Strukturen und der Freiheit der 
Einzelnen jetzt entschieden entgegen-
treten. Das bedeutet zunächst, dass sie 
sich dafür einsetzen müssen, dass Daten 
über die Verteilung von Vermögen, Ein-
kommen und Lebenschancen in besse-
rer Qualität vorliegen – und dass diese 
einfacher zugänglich sind. Vor allem bei 
den Vermögen arbeiten die Reichen und 
ihre InteressenvertreterInnen vehement 
an der Verschleierung: Sie versuchen, 
den automatischen Informationsaus-
tausch zwischen den europäischen Steu-
erbehörden in Bezug auf die Kapital-
einkommen zu hintertreiben, das 
Bankgeheimnis gegenüber dem Finanz-
amt aufrechtzuerhalten, an der unzeit-
gemäßen Bewertung von Immobilien 
festzuhalten und Vermögenserhebungen 
wie jene der Oesterreichischen Natio-
nalbank möglichst zu behindern. Trans-
parenz ist die wichtigste Voraussetzung 
für eine Diskussion auf Faktenbasis. 
Nur Aufklärung über die Verteilung der 
Reichtümer schafft Bewusstsein für die 
Notwendigkeit der Veränderung.
Milliardenaufkommen
Der wichtigste Ansatzpunkt der Vertei-
lungspolitik besteht heute in einer Be-
steuerung hoher Vermögen, Erbschaften 
und Einkommen. In Zahlen ausgedrückt: 
Bei einem Vermögen von 1.250 Milliar-
den Euro, davon 730 Milliarden bei den 
Millionärshaushalten, bei einem jährli-
chen Erbvolumen von 20 Milliarden Eu-
ro, ganz überwiegend im obersten Zehn-
tel, bei absurd hohen Einkommen des 
obersten Prozents, das mehr als der Bun-
despräsident (23.000 Euro pro Monat) 
verdient, ist mit dieser Besteuerung in 
Markus Marterbauer 
Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft 
und Statistik der AK Wien
        

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