Full text: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201414 Schwerpunkt
D
as reiche Establishment Monacos 
ist seit geraumer Zeit in Aufruhr, 
denn unter die feine Gesellschaft 
mischen sich jüngst die neuen 
Superreichen. Aus China und Russland, 
von der Wall Street und aus dem Lon-
doner Finanzbezirk strömen sie an die 
Mittelmeerküste und lassen die alteinge-
sessene Elite die Nase rümpfen. Unweit 
der Villen ankern sie ihre riesigen Jachten, 
feiern Partys bei lauter Musik und ent-
sprechen damit so gar nicht dem vorneh-
men Geschmack der oberen Zehntau-
send. Hinter vorgehaltener Hand echauf-
fiert sich der alte Geldadel über den Ver-
lust traditioneller Gepflogenheiten im 
Kreise der Reichen. 
Ungeschriebene Verhaltensregeln
Soziologinnen und Soziologen würden 
sagen, die Neureichen haben einen an-
deren Habitus als jene, die in reichen 
und einflussreichen Familiendynastien 
aufgewachsen sind. Der Habitus einer 
Person bezeichnet nach Pierre Bourdieu 
ein System von Grundhaltungen und 
Verhaltensweisen. Er markiert aber auch 
die unsichtbaren Grenzen, die den Men-
schen aufgrund ihrer sozialen Herkunft 
gezogen sind. Die entscheidende Prä-
gung findet bereits in der Kindheit statt 
und wird vor allem durch das familiäre 
und soziale Umfeld bestimmt. Die Ver-
trautheit mit den Gepflogenheiten und 
den ungeschriebenen Verhaltensregeln 
sei eine Voraussetzung für den Aufstieg 
in gewisse soziale Kreise, erklärt der 
deutsche Eliteforscher Michael Hart-
mann. Der Habitus ist sozusagen die 
gläserne Decke sozialer Klassen.
Auch ohne jemals von Pierre Bourdieu 
gehört zu haben, spüren Kinder aus Ar-
beiterfamilien instinktiv, was der Habi-
tus bedeutet. Eine Akademikerin aus 
einem Berliner Arbeiterbezirk erzählt 
der deutschen „Zeit“ über die schwie-
rigen Anfänge ihrer Studienzeit: „Die 
Studierenden, wie die sich ausdrückten! 
Es kam mir so unnatürlich vor.“ Die 
kannten bereits alle Theaterstücke und 
Bücher, die im Unterricht vorkamen. 
Die hatten alle eine Bibliothek zu Hau-
se, sie selbst nur alte Schulbücher. „Als 
Tochter einer alleinerziehenden Mutter, 
die sich als Putzfrau ihren Lebensunter-
halt verdienen musste, weiß ich, wie 
schwierig es ist, soziale Barrieren zu 
überwinden“, sagt auch eine Frau, die es 
bis in die Vorstandsetage bei Siemens 
Österreich geschafft hat. Die ehemalige 
Generaldirektorin und studierte Volks-
wirtin Brigitte Ederer unterstützt des-
halb die Initiative „Arbeiter-Kind.at“, 
die Kindern aus Arbeiterfamilien bei all-
täglichen Stolpersteinen in ihrer Ausbil-
dung hilft.
Dass solche Initiativen ihre Berech-
tigung haben, beweist ein Blick auf die 
soziale Herkunft von Akademikerinnen 
und Akademikern in Österreich. Dem-
nach erreicht mehr als die Hälfte der 
Kinder aus Akademiker-Haushalten 
wieder einen Universitätsabschluss, 
während dies nur elf Prozent jener Kin-
der gelingt, deren Eltern einen Lehrab-
schluss haben. Aktuelle Forschungser-
gebnisse der WU Wien zeigen, dass 
bereits die vorschulische Betreuung den 
wichtigen Unterschied für den späteren 
Bildungsweg macht. „Eltern geben ihre 
Bildung schon ab dem ersten Geburts-
tag an ihre Kinder weiter“, erklärt Wil-
fried Altzinger, Wirtschaftsprofessor an 
der Wirtschaftsuniversität.
Rastignacs Dilemma kehrt zurück
Neben der Bildungsvererbung spielen 
Vermögensübertragungen eine wesentli-
che Rolle für die Einschätzung sozialer 
Mobilität. Thomas Piketty hat in seinem 
Buch „Capital in the Twenty-First Cen-
tury“ festgestellt, dass Erben heute wieder 
so wichtig wird wie in der feudalen Aris-
tokratie des 19. Jahrhunderts (siehe „Das 
Erbe der Ungleichheit“, S. 18?19). Ex-
emplarisch für diese Epoche ist Honoré de 
Balzacs Roman „Vater Goriot“, in dem 
der talentierte, aber mittellose Eug?ne de 
Rastignac vom Aufstieg in die feine Pari-
ser Gesellschaft träumt. Dieser merkt 
schnell, dass Studium, Talent und Fleiß 
diesen Traum nicht ermöglichen, son-
dern nur geschickte Heiratspolitik und 
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Soziale Mobilität beschreibt gesellschaftlichen Auf- und Abstieg. Ungleiche 
Startbedingungen begrenzen die Aufstiegschancen aber schon von Geburt an.
Matthias Schnetzer
Abteilung Wirtschaftswissenschaft der AK Wien B U C H T I P P
Chrystia Freeland:
Die Superreichen
Aufstieg und Herrschaft einer 
neuen globalen Geldelite  
Westend, 2013
368 Seiten, € 23,70
ISBN: 978-3-8648-9045-1
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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