Full text: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201416 Schwerpunkt
A
uf den ersten Blick sieht Branko 
Milanoviæ mehr wie ein gemütlicher 
Mathematiklehrer aus und weniger 
wie ein weltweit angesehener Wirt-
schaftswissenschafter. Der ehemalige Öko-
nom der Forschungsabteilung der Welt-
bank ist Ende August Stargast beim Forum 
Alpbach. Seit über 30 Jahren beschäftigt 
sich der gebürtige Serbe mit der Verteilung 
und Ungleichheit von Einkommen. Er 
wird gerne mit seiner Parademetapher zi-
tiert: „Ungleichheit ist wie Cholesterin.“ 
Dabei unterscheide man wie beim Choles-
terin zwischen guter und schlechter Un-
gleichheit. Gute Ungleichheit biete den 
Menschen einen Anreiz, Risiken einzuge-
hen, härter zu arbeiten, mehr zu lernen, 
um mehr Geld zu verdienen. Sie schaffe 
Leistungsanreize und kurble die Wirt-
schaftsdynamik an. Anders liegen die Din-
ge jedoch bei der schlechten Ungleichheit. 
Diese festigt bestehende Strukturen und 
lähmt die Gesellschaft, beispielsweise wird 
ärmeren Gesellschaftsschichten aufgrund 
von Geldmangel der Zugang zur Bildung 
verwehrt. Aber wer ist denn jetzt eigentlich 
dieser Branko Milanoviæ?
Statistik statt Studentenpartys
Milanoviæ wurde am 24. Oktober 1953 
in Belgrad geboren. Bereits relativ früh 
konnte er sich für soziale Themen begeis-
tern, er entdeckte schnell seine Vorliebe 
für Zahlen und interessierte sich für so-
ziale Zusammenhänge. Dementspre-
chend entschied er sich, Wirtschaftswis-
senschaften zu studieren, und inskri-
bierte an der Wirtschaftsuniversität in 
Belgrad. Die jugoslawische Teilrepublik 
Serbien konnte selbst damals eine hohe 
Wirtschaftswachstumsrate verzeichnen, 
der gesellschaftliche Wohlstand – auch 
der seiner eigenen Familie – stieg von 
Jahr zu Jahr.
Milanoviæ mochte empirische Wirt-
schaftswissenschaften und spezialisierte 
sich auf Statistik, bis er es verstand, sein 
Wissen und Verständnis aus Sozialthe-
men und Zahlen zu kombinieren.
„Ich habe angefangen, zu überprü-
fen, ob die paar Einkommensdaten, die 
ich hatte, mit der Kurve übereinstim-
men würden. Damals benutzten wir 
noch Papier, Stift und Taschenrechner, 
um die Größe jeder Gruppe und ihren 
Anteil am Totaleinkommen zu berech-
nen. Dann wandten wir eine statis- 
tische Funktion an, um zu sehen, ob 
die Zahlen stimmen oder nicht. Es 
schien mir, dass sich irgendwie das Ge-
heimnis, wie Geld unter den Menschen 
verteilt wird oder wie Gesellschaften 
organisiert sind, vor mir offenlegen 
würde. Ich habe viele Nächte damit 
verbracht, diese Zahlen durchzugehen. 
Ich habe das lieber gemacht, als mit 
Freunden auszugehen.“
1977 schloss Milanoviæ sein Studi-
um an der Wirtschaftsuniversität Bel-
grad ab und knüpfte mit einem Dokto-
rat an, das er 1987 erfolgreich beendete. 
In seiner Dissertation behandelte er die 
Einkommensungleichheit im ehema-
ligen sozialistischen Jugoslawien – vier 
Jahre nach seiner erfolgreichen Defensio 
zerfiel die Sozialistische Föderative Re-
publik. Milanoviæ forschte weiter zur 
Einkommensverteilung in Osteuropa 
in der Zeit nach dem Fall des Eisernen 
Vorhangs und dem Zerfall der Sowjet-
union. Indem jedoch die Staaten nach 
und nach der Europäischen Union bei-
traten, verlor dieses Thema an Bedeu-
tung. Daher begann Milanoviæ, sich 
der Einkommensverteilung auf globaler 
Ebene zu widmen. 
Rezepte für eine gerechtere Welt
Ab 1990 arbeitete er in der Forschungs-
abteilung der Weltbank in Washington 
und beschäftigte sich mit der Analyse von 
Armut, Ungleichheit und Haushaltsbe-
fragungen. Seit 1996 lehrt er an Univer-
sitäten und Hochschulen, so war er als 
außerordentlicher Professor an der Johns 
Hopkins University und als College-Park-
Professor an der Universität von Mary-
land tätig. Seit 2014 lehrt er am Gradua-
te Center der City University of New York.
2011 veröffentlichte Milanoviæ sein 
Buch „The Haves and the Have-Nots“, 
in dem er in drei Essays und 26 Kurzge-
Being Branko Milanovic´ 
Statistiker. Ökonom. Buchautor. Branko Milanoviæ ist einer der weltweit angesehensten 
Forscher auf dem Gebiet der Einkommensverteilung. Ein Porträt.
Maja Nizamov
Freie Journalistin B U C H T I P P
Branko Milanovic´:  
„The Haves and the Have-
Nots. A Brief and Idiosyn-
cratic History of Global  
Inequality“. 
Basic Books, New York 2011 
258 Seiten, € 20,80
ISBN: 978-0-46503-141-2
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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