Full text: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201426 Schwerpunkt
Migration als Widerstand
Neokoloniale Praktiken zwingen Millionen Menschen im globalen Süden zur 
Migration. Nun kämpfen die Länder des Nordens mit den Folgen ihres Handelns. 
V
on Kinshasa, der Hauptstadt der 
Demokratischen Republik Kongo, 
sind es elf Flugstunden bis nach 
Amsterdam. Für Emmanuel 
Mbolela hat die Reise in seine neue Hei-
mat in Europa sechs Jahre gedauert. Da-
bei war Europa nicht sein ursprüngliches 
Ziel. Überhaupt wollte er seine Heimat 
nicht verlassen, seine Familie und Freun-
dinnen und Freunde nicht zurücklassen, 
um auf seiner Flucht das erleben zu müs-
sen, was ihn sein Leben lang prägen wird. 
Doch Emmanuel hatte keine Wahl. Er 
musste 2002 aus seinem Land flüchten, 
weil er mit friedlichen Mitteln für eine 
demokratische und gerechte Gesellschaft 
gekämpft hat. Das Exil war der einzige 
Ausweg, sein Leben zu retten. In seinem 
Buch „Mein Weg vom Kongo nach 
Europa“ erzählt der ehemalige Flüchtling, 
was es bedeutet, sein Leben zu riskieren, 
um sich in Sicherheit zu bringen. Er spart 
dabei nicht mit Kritik an der Europä-
ischen Union und an den westlichen In-
dustriestaaten, die sich immer stärker ge-
gen die mitverursachte Migration ab-
schotten – mit fatalen Folgen.
Zerstörung der Länder 
Mehr als 51 Millionen Menschen waren 
Ende 2013 laut dem Flüchtlingswerk der 
Vereinten Nationen (UNHCR) weltweit 
auf der Flucht. Das waren sechs Millionen 
Menschen mehr als im Jahr zuvor und so 
viele wie noch nie seit dem Zweiten Welt-
krieg. Die größte Mobilitätsrate weltweit 
gibt es in Afrika. Die extreme globale Un-
gleichverteilung materieller und sozialer 
Ressourcen hat Menschen in Bewegung 
gesetzt, die selbst die Todesgefahr nicht 
scheuen, um in Europa Arbeit und Ein-
kommen zu finden. „Wir sind hier, weil 
ihr unsere Länder zerstört“ ist zum Slogan 
einer neuen Migrationsbewegung gewor-
den. Er macht deutlich, dass es die durch 
Industriestaaten dominierte Weltwirt-
schaft und die Ausbeutung von Boden-
schätzen und Ressourcen sind, welche die 
instabile und kritische Situation vieler Län-
der bedingen. Viele Menschen aus dem 
globalen Süden sehen sich angesichts ihrer 
Lebensumstände gezwungen, zu migrie-
ren. „Afrika wurde von multinationalen 
Konzernen und internationalen Finanzin-
stitutionen arm gemacht. Diktaturen wer-
den von den westlichen Ländern unter-
stützt, bewaffnete Konflikte entfacht, um 
natürliche Ressourcen zu plündern, und 
Strukturanpassungsprogramme aufge-
zwungen“, kritisiert Emmanuel Mbolela. 
Seine Heimat, die Demokratische 
Republik Kongo, gehört zu den ärmsten 
und gefährlichsten Ländern der Welt. 
Seit Jahren herrscht Bürgerkrieg – stell-
vertretend für den Kampf um Rohstoffe. 
Dabei könnten gerade diese das Land zu 
einem der reichsten Länder Afrikas ma-
chen. Neben Gold, Öl, Diamanten oder 
Kupfer werden 80 Prozent der weltwei-
ten Coltan-Vorkommen im Land vermu-
tet – ein wesentlicher Bestandteil für 
Mobiltelefone. Bereits 2001 haben die 
Vereinten Nationen in einem Bericht 
festgehalten, dass Dutzende westliche 
Unternehmen von den systematischen 
Rohstoff-Plünderungen in der Demo-
kratischen Republik Kongo profitieren 
und die Massaker an der Bevölkerung 
mit verantworten. Die chaotische Situa-
tion im Kongo ist vergleichbar mit jener 
zahlreicher anderer afrikanischer Staaten. 
Ein Großteil der für die Industriestaaten 
wichtigen Rohstoffe befindet sich auf 
den afrikanischen und asiatischen Konti-
nenten.
Vom Abbau der Bodenschätze profi-
tieren vor allem westliche Konzerne und 
Investoren. Bevölkerungsteile, meist aus 
dem ländlichen Raum, werden vertrie-
ben oder umgesiedelt und verlieren da-
durch ihre Lebensgrundlage. Seit der 
weltweiten Finanzkrise hat auch das 
„Land Grabbing“, also der Ausverkauf 
fruchtbarer Böden, explosionsartig zu-
genommen, berichtet Dieter Behr vom 
Netzwerk „Afrique-Europe-Interact“. Das 
gekaufte oder gepachtete Land wird 
meist günstig erworben und für export-
orientierte industrielle Landwirtschaft 
oder für Pflanzen zur Produktion von 
Agrotreibstoffen genutzt. Millionen 
Kleinbauern und -bäuerinnen, Fische-
rInnen und ViehzüchterInnen verlieren 
dadurch den Zugang zu Land und Was-
ser, sprich ihre Existenzgrundlage. Seit 
Irene Steindl
Freie Journalistin B U C H T I P P
Emmanuel Mbolela:
Mein Weg vom Kongo 
nach Europa
Zwischen Widerstand, 
Flucht und Exil 
Verlag Mandelbaum, 2013
192 Seiten, € 19,90
ISBN: 978-3-85476-441-0
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

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