Full text: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/20144 Arbeit&Wirtschaft 10 1Historie
Leistung muss sich lohnen! 
D
ie Leistung: Wie ein ewiges Man-
tra wird dieses Wort immer wie-
der beschworen. Ja, es wird gar 
als Widerspruch konstruiert. 
Auch Vermögende sollen zur Finanzie-
rung der öffentlichen Leistungen einen 
gerechten Anteil leisten? Leistung muss 
sich lohnen, lautet die Antwort. Frauen 
verdienen immer noch weniger als Män-
ner? Wenn sie wirklich gleich viel leisten, 
verdienen sie auch gleich, lautet die Ant-
wort. Migrantinnen und Migranten ha-
ben schlechte Chancen auf dem Arbeits-
markt? „Integration durch Leistung“ lau-
tet die Antwort. Ältere Menschen oder 
Menschen mit Behinderung? Können ja 
nicht/nicht mehr so viel leisten, sie den-
noch zu beschäftigen können wir uns 
nicht leisten. 
Gebrochenes Versprechen
Leistung, egal, wo man hinsieht. Es 
scheint so, als müsste man dieses Wort 
nur laut genug aussprechen – und a Ruh 
is. Und es stimmt ja auch: Leistung muss 
sich lohnen, ja, sie sollte sogar Spaß ma-
chen, wie ich meine. Aber wird sie denn 
auch wirklich gerecht belohnt? Oder ist 
es nicht vielmehr so, dass nach wie vor 
jene bessere Chancen in der Gesellschaft 
haben, die ein „gutes Erbe“ im Hinter-
grund haben: viel Geld oder ähnlich 
wertvolle Ressourcen, die „richtige“ Bil-
dung, die „richtige“ Herkunft, die rich-
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Standpunkt
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tige Sprache, den Zugang zu den ent-
scheidenden Karriere-Netzwerken oder 
auch das richtige Geschlecht? Kurz: Es 
stimmt schlichtweg nicht, dass unsere 
Gesellschaft dieses Versprechen einhält, 
dass sich Leistung lohnt. 
Kürzungen im Mantel von Reformen
Sprechen wir über Leistung! Besser ge-
sagt: Sprechen wir darüber, dass sie sich 
für viel zu viele Menschen in Österreich 
eben nicht lohnt. Sprechen wir darüber, 
dass wir eben nicht in einer „relativ glei-
chen Gesellschaft“ leben, wie wir uns all-
zu gerne vormachen. Sprechen wir darü-
ber, ob wir uns das leisten können – und 
vor allem: ob wir das wollen?
Wir leben in einem Land, das zu den 
reichsten EU-Mitgliedsstaaten gehört 
und auch in internationalen Rankings 
regelmäßig einen Spitzenplatz belegt. 
Nicht spitze ist Österreich allerdings, 
wenn es um die gerechte Verteilung von 
Einkommen und Vermögen geht. Es ist 
nicht spitze, wenn es um ein ausrei-
chendes Angebot an Jobs geht, die das 
Überleben sichern. Es ist nicht spitze, 
wenn es um Bildung geht. Es ist nicht 
spitze, wenn es um das Angebot von 
Kinderbetreuungsplätzen oder Pflege-
einrichtungen geht. Und es ist nicht 
spitze, was viele andere Verteilungsthe-
men betrifft, wie Sie in der aktuellen 
Ausgabe ausführlich nachlesen können. 
Spricht man all diese Probleme an, er-
scheint sogleich ein zweites Mantra: das 
Krisenmantra. Dieses lautet: „Wir kön-
nen uns das eben nicht leisten, Krise und 
leere Kassen und so.“ Dass ausgerechnet 
die Wirtschaftskrise zum Vorwand für 
Angriffe auf den Sozialstaat verwendet 
wird, entbehrt nicht einer gewissen Iro-
nie, ja ich bin sogar versucht zu sagen, 
es ist eigentlich zynisch. Denn es war 
gerade der gut ausgebaute Sozialstaat, 
der in der Krise noch schlimmere Folgen 
für viele Menschen in Österreich abwen-
den konnte. Vieles spricht für einen wei-
teren Ausbau des Sozialstaats, wie Sie 
ebenfalls in einem Beitrag nachlesen 
können. Alles spricht für eine Bildungs-
expansion. Und doch leben wir in einem 
der reichsten Länder in der EU, ja gar 
in der Welt – und dennoch sind Kür-
zungen im Bildungs- und Sozialbereich 
ein Dauerbrenner. 
Entlastete Arbeit
Wer soll das alles bezahlen? Sicher ist, 
dass Einkommen aus Arbeit entlastet 
werden müssen und nicht noch stärker 
belastet werden dürfen. Am ungerech-
testen ist die Verteilung in Österreich bei 
Vermögen, dennoch werden diese nach 
wie vor viel zu wenig besteuert. Gerade 
weil sich Leistung lohnen muss, ist es al-
so nur fair, dass auch die Vermögenden 
einen Beitrag zum Budget leisten.
        

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