Full text: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201440 Kurzkrimi
„Knapp ist tot.“ 
„Der Chef? Was ist denn mit ihm? Hat 
er einen Herzinfarkt, weil ihm wer ein 
paar Hunderter zu wenig bezahlt hat für 
die letzte Waffenlieferung? Ein Raubüber-
fall? Er hat doch immer sein Bargeld im 
Tresor.“
„Weiß man nicht. Er wurde erschossen. 
An seinem Schreibtisch.“
„Dann kann er wenigstens keine Reh-
böcke mehr töten“, zischte eine junge 
Frau. Christine war die neue Praktikan-
tin und bekennende Tierschützerin. 
Man würde sie vermutlich nicht länger 
behalten – und sie würde wohl auch 
nicht bleiben. Mit welchem Motiv sie 
sich überhaupt bei einem Waffenerzeu-
ger beworben hatte und dass man sie 
genommen hatte, war undurchsichtig, 
so lautete die allgemeine Meinung unter 
Kolleginnen und Kollegen. Auch jetzt 
sahen die Umstehenden sie nur pikiert 
an. In der Kaffeeküche wurde es eng, 
Getuschel und Gerüchte wogten wie 
Meereswellen, brandeten über der Tür 
auf und schwappten über die Anwe-
senden hinweg.
„Ist die Polizei schon da?“, fragte Lia-
ne, die Chefbuchhalterin, und ver-
suchte, sich zur Kaffeemaschine durch-
zudrängen. Irgendwo fiel klirrend eine 
Tasse zu Boden.
„Natürlich.“ Nicola hatte verweinte 
Augen, sie war erst seit Kurzem zu 
Knapps Assistentin aufgestiegen. „Vor-
erst darf noch niemand das Chefbüro be-
treten.“
„Nana“, machte Christine und 
drehte den Wasserhahn auf, um ein Glas 
damit zu befüllen, „sieht ja aus, als hätte 
die ein persönliches Verhältnis mit dem 
Chef gehabt.“
„Du hast’s nötig!“, rief Gewerkschaf-
terin Robinia. „Beruhigt euch, Leute, bit-
te. Noch wissen wir gar nichts.“
Mittlerweile betraten die Polizisten 
das Chefbüro. Der Tote saß vornüberge-
neigt an seinem Schreibtisch, der Kopf 
auf der Marmortischplatte, die Arme 
auf dem Tisch. Neben ihm auf dem Bo-
den lag die Flinte, es war tatsächlich sei-
ne eigene. Fingerabdrücke fanden sich 
nicht darauf. Als Todesursache wurde 
ein Schuss aus nächster Nähe festge-
stellt, Verletzungen, Projektil und Flinte 
passten zusammen. Als Todeszeitpunkt 
wurde ein Zeitraum zwischen 22 Uhr 
und 1 Uhr früh ermittelt.
Die Ermittler ließen sich die Auf-
nahmen der Überwachungskameras zei-
gen; doch diese waren um 20.01 Uhr 
ausgeschaltet worden. Der Security-
Mann war selbst überrascht davon. Im 
Kalender des Toten fand sich ein letzter 
Termin am Abend seines Todes, mit Ro-
binia Huber, Gewerkschafterin. Knapps 
Assistentin Nicola bestätigte diesen Be-
such. Sie habe Robinia ins Büro zu 
Knapp geführt, da habe er natürlich 
noch gelebt. Dann habe der Chef sie 
nach Hause geschickt. 
Bei der Überprüfung der Firmen-
Bankkonten und von Knapps privaten 
Bankverbindungen wurden mehrere Zah-
lungen an neun Mitarbeiter entdeckt, die 
in der Nacht durchgeführt worden waren, 
nach dem vermuteten Todeszeitpunkt.
Kurzkrimi von Anni Bürkl
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Angleichung
B U C H T I P P
Anni Bürkl:
Göttinnensturz
Berenike Roithers vierter Fall
Verlag Gmeiner, 2013  
282 Seiten, € 10,30
ISBN: 978-3-8392-1419-0
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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