Full text: Ein Wörtchen mitreden (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201410 Interview
dazu verwendet werden, um über Ausbeu-
tung von Menschen zu Aufträgen zu kom-
men oder als Arbeitgeber seine Gewinne zu 
erhöhen, dort sind wir natürlich aufgeru-
fen, Stopp zu sagen. 
Nur wo kann die Gewerkschaft da noch 
andocken?
Da sind die Gewerkschaften auch aufgeru-
fen, neue Medien einzusetzen wie Social 
Media und anderes. 
Zur Einkommensgerechtigkeit zwischen 
den Geschlechtern: Da in Österreich so 
viel über die Kollektivverträge passiert, 
zählen wahrscheinlich die Kollektiv­
vertragspartner zu den wichtigsten 
 AkteurInnen. Welche Maßnahmen sind 
da geplant? 
Die Gewerkschaften haben in den letzten 
Jahren ja eine Gleichstellung des Kollek-
tivvertragslohns geschafft. Wo es nicht 
 gelingt, ist auf der Ebene danach. Das 
heißt, bei der freiwilligen zusätzlichen 
 Entlohnung oder auch bei der Chance, in 
höher qualifizierte Positionen nachzu-
rücken. Jeder, der etwas anderes behauptet, 
ist realitätsfern. Fakt ist, dass Frauen hier 
nach wie vor einen Nachteil haben, das 
 be stätigen die Statistiken. Das ist auch ein 
Problem, das uns in den nächsten Jahren 
weiterverfolgen wird. 
Was wäre die wichtigste Baustelle: Sind 
es die Zuschläge, ist es Anrechnung von 
Familienarbeit? 
Ich würde sagen, es ist Aufgabe der Gewerk-
schaften, alles zu lösen, was den Kollektiv-
vertrag und den Mindestlohn betrifft – 
dort, wo es noch Baustellen gibt. Das Dar-
überliegende ist auch ein Auftrag an den 
Betriebsrat – und auch an die Frauen selbst. 
Ich spreche das bewusst an: mehr Selbst-
vertrauen, mehr Bewusstsein, sich auf die 
Beine zu stellen bei unterschiedlicher Ent-
lohnung, freiwilliger Überzahlung bei glei-
cher Tätigkeit. Dort gilt es stärker aufzu-
treten. 
Die Gewerkschaft wird immer noch als 
sehr männlich wahrgenommen. Wie 
könnte man es für Frauen attraktiver 
 machen, sich für die eigenen Interessen zu 
engagieren? 
Was meine Fachgewerkschaft betrifft, ist 
das natürlich eine schwierige Frage, bei ei-
nem Männeranteil von 94 Prozent der Mit-
glieder. In meiner Zeit ist es gelungen, dass 
Frauen in der Gewerkschaft wesentlich stär-
ker wahrgenommen werden, auch in unse-
rer 94-Prozent-Männergewerkschaft, und 
sogar leitende Positionen und eigene Ver-
antwortungsbereiche haben. Das wäre vor 
zehn, 15 Jahren noch undenkbar gewesen. 
Dass es sich langsam weiterentwickelt: Ja, 
das ist so, aber es bedarf auch entsprechen-
der Möglichkeiten und Ressourcen. Aber 
es geht vorwärts. 
Sie selbst sind Nationalrat. Wie lässt sich 
die Funktion eines Gewerkschafters mit 
jener eines Parlamentariers vereinbaren? 
Dann müsste man die Frage stellen, was die 
Vertreter von Banken oder anderen Insti-
tutionen wie Wirtschafts- oder Landwirt-
schaftskammer im Hohen Haus machen. 
Wenn es im Hohen Haus nicht möglich 
sein soll, dass Interessenvertreter von der 
Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-
seite vertreten sind, dann brauche ich dieses 
Haus aber auch nicht mehr unter den Titel 
Demokratie einordnen.
Kritisiert wird dabei der Klubzwang.
Den Klubzwang unter Anführungszeichen 
gibt es im Landtag, den gibt es im Gemein-
derat. Es passiert hier nichts anderes: Im 
Vorfeld verständigt sich eine Fraktion dar-
auf, wie sie zu gewissen Tagesordnungs-
punkten steht und wie ihr Stimmverhalten 
ist. In den Klubvollversammlungen wird 
entschieden, wie sich eine Mehrheit zu wel-
chem Tagesordnungspunkt, zu welchen ge-
setzlichen Änderungen bzw. Beschlüssen 
bildet. Demokratie ist genauso, runterge-
brochen. Da läuft eine Mehrheitsbildung 
in einer Fraktion haargleich wie in einer 
Gemeinderatssitzung oder bei einem Sport-
vereinsvorstand. 
Wie viele Möglichkeiten zur Gestaltung 
gibt es auf EU­Ebene angesichts der viel 
beklagten Macht der Lobbys von Banken 
und Wirtschaft? 
Letztendlich gelingt es nur über den direk-
ten Zugang zu europäischen Abgeordneten, 
das eine oder andere noch im Europäischen 
Parlament zu Fall zu bringen. 
Wie steht’s um die Euro­Betriebsräte? 
Das ist eine wichtige Ebene. Nur meine Er-
fahrung ist, dass wir in unseren Bereichen 
viel zu kleinkariert denken und sagen: Am 
wichtigsten ist meine Firma vor Ort und 
danach befasse ich mich vielleicht mit The-
men, die den Europa-Betriebsrat betreffen. 
Wie kann die Gewerkschaft mehr Men­
schen motivieren, sich als BetriebsrätIn­
nen zu engagieren? 
Je stärker es uns gelingt, unsere Botschaften 
an die Beschäftigten zu bringen, umso grö-
ßer sind die Chancen der Gewerkschaften, 
stärker zu werden bzw. auch Funktionärin-
nen und Funktionäre zu erhalten. Diese 
Erneuerung des ÖGB – gezwungenerma-
ßen 2006 wegen des Bawag-Desasters – hat 
dazu geführt, dass Gewerkschaften letzt-
endlich unter dem Dach des ÖGB die Ei-
genständigkeit erlangen mussten. Darüber 
hinaus ist man auch im Bereich Marketing-
botschaften neue Wege gegangen. Früher 
war es selbstverständlich, nicht zu kampag-
nisieren, dass das Weihnachts- und Ur-
laubsgeld nicht vom Himmel fällt, sondern 
nur durch die Gewerkschaften erreicht und 
abgesichert wird bzw. dass es Gewerkschaf-
ten sind, die Lohnerhöhungen erreichen. 
Ich glaube, dass uns das jetzt stärker gelun-
gen ist. 
Warum sollte man Betriebsrat oder 
 Betriebsrätin werden? 
Ich durfte bereits in jugendlichen Jahren 
erkennen: Wenn man nicht selbst Politik 
macht, dann wird mit einem Politik ge-
macht. Mein Leitsatz ist: Im Wissen, man 
kann es nie allen Menschen recht machen, 
soll man eines nie zulassen, nämlich dass 
andere mit einem Politik machen. Deshalb: 
Mitarbeiten, mitkämpfen und versuchen 
mitzubestimmen!
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Sonja Fercher 
für Arbeit&Wirtschaft.
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