Full text: Ein Wörtchen mitreden (9)

11Arbeit&Wirtschaft 9/2014 Historie
schen Arbeiterbewegung kontrollierten Spiel-
raum zu eröffnen und auf Gewalt zu verzichten. 
Rudolf Müller, einer der Gründer der freigewerk-
schaftlichen Eisenbahner-Organisation, brach-
te Baernreithers Konzept auf den Punkt: 
Er wollte so ein Stück Harmonie zwischen 
Unternehmern und Arbeitern schaffen. 
Es sollten dort die harten Kanten des 
 Klassen kampfes abgeschliffen werden.
Die Gewerkschafter im „Arbeitsbeirat“ beteilig-
ten sich zwar engagiert an dessen Entschei-
dungsfindungen, wussten aber um die Grenzen 
einer solchen außerparlamentarischen Mitbe-
stimmung ohne demokratische Bedingungen. 
Rudolf Müller beim Kongress der Freien Gewerk-
schaften 1913:
Solange die Arbeiterschaft kein allge­
meines, gleiches und direktes Wahlrecht 
Das Gewerbegerichtsgesetz von 1896 mar-
kierte eine Trendwende in der Regierungs politik 
der späten Habsburgermonarchie. Es sah vor, 
dass Gewerkschafts- und Unternehmensvertre-
ter „paritätisch“, also in gleicher Zahl an der 
Schlichtung von Streitfällen aus dem Arbeits-
verhältnis mitwirken sollten. Erstmals wurde 
damit die Existenz unterschiedlicher Interessen 
von „Arbeit“ und „Kapital“ anerkannt und die 
Gewerkschaft als politischer Faktor ernst ge-
nommen. Einen Schritt weiter ging Handels-
minister Joseph Maria Baernreither 1898, als 
er zu dem in seinem Ministerium errichteten 
„arbeitsstatistischen Amt“ einen „ständigen 
Arbeitsbeirat“ plante:
Bei dem Versuche, schwierige gesellschaft­
liche Probleme zu lösen, kann es sich nicht 
darum handeln, verschwommene An­
sichten zu sammeln, sondern ein Resultat 
ist nur zu erwarten, wenn offen und loyal, 
sachlich und ernst die entgegenstehenden 
Interessen ihre Vertretung finden und 
wenn durch das gegenseitige Sich­Ausspre­
chen nach und nach jener Wall von Miss­
trauen, von Missverständnissen und ein­
seitigen Parteiansichten abgetragen wird. 
Hier wurde nicht nur das Bestehen von Interes-
sengegensätzen anerkannt, sondern auch das 
Austragen von Interessenkonflikten zur Voraus-
setzung für tragfähige Kompromisse erklärt. 
Das klingt wie das Urkonzept der modernen So-
zialpartnerschaft – der Haken liegt im Wörtchen 
„loyal“. Dort, wo die Machtverhältnisse infrage 
gestellt werden konnten, hatte die Öffnung ihre 
Grenzen. Nur hielten es die klügeren Politiker 
für besser, der gewerkschaftlichen und politi-
Mehr als Mitsprache
Ab 1895 hatten Gewerkschafter erstmals „paritätisch“ zu den Unternehmern 
Mitsprachemöglichkeiten. Ihr Ziel war aber echte demokratische Mitbestimmung.
hatte, hat der Arbeitsbeirat einen be­
stimmten Zweck … erfüllen können. Das 
hat auch die Regierung gewusst. Darum 
hat sie ihm eine sehr engherzige Geschäfts­
ordnung gegeben. … Sie konnte ihn ein­
berufen und entlassen, ganz nach Belie­
ben. … Es ist … im Laufe der Zeit gelun­
gen, die Institution einigermaßen zu mo­
dernisieren. … Aber diese geringe Erwei­
terung hat auf das Wesen der Körperschaft 
keinen Einfluss gehabt. Wir dürfen zwar 
Gutachten abgeben, aber die Regierung 
ist nicht im Mindesten irgendwie daran 
gebunden. … Was wir … in erster Linie 
von dieser Institution verlangen, ist, dass 
ihre … Beschlüsse bindend sind, … dass 
sie dem Parlament vorgelegt werden.
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
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Maulschlösser für das Volk – so kritisierten „Die Glühlichter“ 1894 den Mangel an 
 Demokratie im Kaiserstaat. Der Weg von der gebremsten Mitsprache ab 1896 bis zur 
 echten  Mitbestimmung in der demokratischen Republik von 1918 war steinig.
        

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