Full text: JubilEUmskater (001)

Arbeit&Wirtschaft 1/201542 Wir sind Europa
F
ür meinen Auslandsaufenthalt im 
Rahmen der SOZAK wählte ich 
nicht etwa deshalb das Land der 
1.000 Seen aus, weil ich gebürtiger 
Kärntner bin oder im Sternzeichen Fisch 
geboren wurde. Vielmehr wollte ich wissen, 
wie ein Land funktioniert, dessen gewerk-
schaftlicher Organisationsgrad bei 70 Pro-
zent liegt. Unterstützt wurde ich bei mei-
nen Recherchen von der Gewerkschaft 
Metalliliitto, in der die Arbeiter aus dem 
Metallbereich organisiert sind, die sich wie-
derum in der Dachorganisation „SAK“ 
wiederfinden. Die ersten Tage verbrachte 
ich in der Zentrale, um den Aufbau der 
finnischen Gewerkschaft kennenzulernen. 
Ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, 
dass es nicht nur eine Dachorganisation 
gibt, sondern neben der „SAK“ noch zwei 
weitere. Allein die kleinste dieser Dachor-
ganisationen vereint 21 Fachgewerkschaf-
ten. Insgesamt gibt es in Finnland knapp 
2,3 Millionen Gewerkschaftsmitglieder, 
was auch auf das System der Arbeitslosen-
unterstützung zurückzuführen ist. Die Bei-
träge zur Arbeitslosenversicherung werden 
mit dem Gewerkschaftsbeitrag eingehoben 
und im Anspruchsfall von der Gewerk-
schaft ausbezahlt.
Dank des Engagements meines Be-
treuers in der Gewerkschaft hatte ich die 
Möglichkeit, sehr viele Betriebe zu besich-
tigen und mit BetriebsrätInnen und Si-
cherheitsvertrauenspersonen in Kontakt 
zu treten. Auch an Finnland gingen die 
Auswirkungen der Wirtschaftskrise nicht 
spurlos vorüber, sei es in der Stahlindust-
rie, der Papierindustrie oder im Bereich 
des Schiffbaus. Überall waren Betriebsrä-
tInnen mit Personalabbau, Streichungen 
von Sozialleistungen oder Gehaltskürzun-
gen konfrontiert. Ein weiteres Problem, 
das durch die Krise noch verstärkt wurde, 
bringt der Einsatz von ausländischen Sub-
firmen mit sich. Beispielsweise werden 
Arbeitskräfte aus fast allen Teilen der Erde 
ins Land geholt und weit unter den kol-
lektivvertraglichen Mindeststandards be-
schäftigt und entlohnt. Schwierig ist diese 
Situation vor allem für BetriebsrätInnen 
und Gewerkschaften. Um gegen dieses 
Lohndumping vorgehen zu können, 
müssten sie betroffene ArbeiterInnen fin-
den, die bereit sind, mit der Gewerkschaft 
ihre ausstehenden Ansprüche einzukla-
gen. Dies ist jedoch fast ein Ding der Un-
möglichkeit, wenn man bedenkt, dass 
viele dieser Beschäftigten trotz Nichtein-
haltung der kollektivvertraglichen Min-
deststandards teilweise noch immer dop-
pelt so viel verdienen wie in ihren 
Heimatländern.
Gesundheitsförderung
Sehr beeindruckt war ich von der Funktion 
der Sicherheitsvertrauensperson. Diese Per-
son stammt aus dem Kreis der Beschäftig-
ten und wird von diesen alle zwei Jahre ge-
wählt. Ausgestattet mit vielen gesetzlichen 
Rechten und durch die enge Zusammen-
arbeit mit der Betriebsratskörperschaft ist 
es ein sehr wirksames Instrument zugunsten 
der Gesundheit und Arbeitssicherheit der 
Belegschaft. Generell spielt Gesundheits-
förderung im Arbeitsalltag für Betriebe und 
Beschäftigte eine sehr wichtige Rolle. So 
gibt es fast in jedem größeren Betrieb eine 
eigene Kantine mit vorwiegend gesunder 
und ausgewogener Küche. Aber auch be-
triebseigene Fitnessräume, Wellnessberei-
che und ein abwechslungsreiches Freizeit-
angebot sind keine Seltenheit.
Für mich als Jugendsekretär spielte 
natürlich das Thema Bildung eine bedeu-
tende Rolle. Hier setzen die finnischen 
Schulen vor allem auf gemeinsame und 
ganztägige Schulformen, ihr wiederholt 
ausgezeichnetes Abschneiden in der PISA- 
Studie bescherte ihrem Schulsystem in-
ternationale Anerkennung. Auch die Be-
rufsausbildung erfolgt in einem rein 
schulischen System. Der Nachteil im Ver-
gleich zu unserer dualen Berufsausbildung 
liegt darin, dass den AbsolventInnen bzw. 
FacharbeiterInnen die am Arbeitsmarkt 
gewünschte Berufspraxis fehlt. Dieses 
Problem ist auch ein Grund dafür, dass 
die Jugendarbeitslosigkeit in Finnland bei 
über 20 Prozent liegt. 
Die schönsten Erfahrungen, die ich 
aus dieser Zeit mitnehmen konnte, sind 
die Offenheit und die Gastfreundlichkeit 
der Menschen in Finnland. Durch viele 
Gespräche konnten wir feststellen, dass 
wir über 1.000 km voneinander getrennt 
leben, unsere Sprache eine völlig andere 
ist und auch sonst viele Gegebenheiten 
unterschiedlich sind, wir aber trotzdem 
ein gemeinsames Ziel haben: die Welt für 
alle Beschäftigten ein Stück weit gerechter 
zu machen! 
Schreiben Sie Ihre Meinung
an den Autor
thomas.kloesch@proge.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Wenn einer eine Reise tut ...
Einblicke in die Arbeit der ArbeitnehmerInnenvertretung in einem Land  
mit einem 70-prozentigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad.
Thomas Klösch
Bundesjugendsekretär der PRO-GE, 
SOZAK-Teilnehmer des 61. Lehrgangs
        

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