Full text: JubilEUmskater (001)

Arbeit&Wirtschaft 1/20158 Interview
Arbeit&Wirtschaft: Ihr erster Job war in 
der Arbeiterkammer. Diese zählte früher 
zu den EU-SkeptikerInnen. Sie auch?
Brigitte Ederer: Na ja, das hat weniger 
mit der AK zu tun. Ich war in jungen Jah-
ren Aktivistin der Sozialistischen Jugend 
und sicherlich skeptisch. Auch in der AK 
hat von den Achtziger- auf die Neunziger-
jahre eine Meinungsänderung stattgefun-
den und man ist zu dem Schluss gekom-
men, dass der EU-Betritt für die produ-
zierende Wirtschaft und insgesamt für 
wirtschaftliche Themen von Vorteil ist. 
Was ließ Sie zur Befürworterin werden? 
Als ich Abgeordnete (im Nationalrat, 
Anm.) war, hat mich Heinz Fischer, der 
damals Klubobmann war, als Beobachterin 
in die Sozialdemokratische Fraktion im 
Europaparlament geschickt. Da habe ich 
gesehen, was es an Möglichkeiten gibt, aber 
auch an guten Positionen. Und ich habe 
gemerkt, dass der Vorwurf, dass die EU ei-
ne Ansammlung von wirtschaftlichen In-
teressen ist, bei Europaparlamentariern da-
mals auf keinen Fall gestimmt hat. 
Woran haben Sie das festgemacht? 
In der Sozialdemokratischen Fraktion gab 
es Positionen, die dem Wirtschaftssystem 
gegenüber weit kritischer waren als jene, 
die auch ich vertreten habe. Auch gewis-
se Kommissare, die ich kennenlernen 
durfte, haben sehr beeindruckende Posi-
tionen vertreten, wie man die Zusammen-
arbeit in Europa angehen muss, welche 
Rolle die Menschen spielen, welche Maß-
nahmen es zur Bekämpfung von Arbeits-
losigkeit bräuchte et cetera. Der damalige 
Kommissionspräsident Jacques Delors war 
mit Sicherheit ein großer Sozialdemokrat. 
Große Hoffnungen wurden immer wie-
der in eine Sozialunion gesteckt. Zur Re-
alität wurde sie nicht. Woran scheitert’s? 
Da sind schon teilweise die Mitgliedstaa-
ten selber schuld, weil sie – allen voran 
auch Österreich – der Meinung waren: Bei 
den Sozialstandards lassen wir keine euro-
päischen Regelungen zu, sondern dort gel-
ten weiterhin nationale Regelungen. Denn 
wir sind der Meinung, dass unsere Stan-
dards die besten sind. Das denkt sich jedes 
Mitgliedsland, so komisch das ist. Oder es 
denkt sich: Wir haben Regelungen, die es 
uns ermöglichen, vielleicht dadurch mehr 
Unternehmungen anzulocken – dass sich 
unsere Regelungen eben von hohen Rege-
lungen in anderen Ländern unterscheiden. 
Ein Konsens auch über die Parteigrenzen 
hinweg?
Sehr vereinfacht gesagt: Die Konservati-
ven haben gemeint, die EU würde zu ho-
he Standards einführen, wenn man sie 
lassen würde. Die Sozialdemokraten wie-
derum haben geglaubt, die EU würde 
nach unten nivellieren. Aber die Sozial-
standards sind nicht mein Thema. Was 
mein Thema ist und wo die Europäische 
Union zu wenig macht, ist die Bekämp-
fung der Arbeitslosigkeit. Das hat etwas 
mit Investitionen zu tun, und die finden 
in Europa einfach zu wenig statt. 
Stichwort Austeritätspolitik?
Das hat mit Sicherheit mit der in Europa 
derzeit vorherrschenden, sicher notwendi-
gen Sparpolitik zu tun. Aber es ist halt ein 
Unterschied, ob man Geld in einmalige 
Zahlungen investiert, die in Wahrheit kei-
ne Nachhaltigkeit haben, oder ob man In-
frastruktur aufbaut. Erstens einmal ist die 
sehr lang da, zweitens ist sie für die wirt-
schaftliche Entwicklung sehr positiv, und 
drittens bringt das Arbeitsplätze und damit 
auch die Möglichkeit, Menschen Beschäf-
tigung zu bringen. Und damit wiederum 
hat man einen Multiplikator, der in die 
richtige Richtung geht. Das Wirtschafts-
wachstum in Europa ist zu gering und da-
mit haben wir vor allem das Problem der 
hohen Jugendarbeitslosigkeit. 
Das „Europa der Konzerne“ wird aktu-
ell wieder stark kritisiert. Zu Unrecht?
Ich will mir gar nicht ausmalen, wie die 
Wirtschaftskrise für die einzelnen Natio-
„Zu wenig Investitionen“
20 Jahre EU-Beitritt: Ex-Europa-Staatssekretärin Brigitte Ederer über erfüllte und 
enttäuschte Hoffnungen.
Z U R  P E R S O N
Brigitte Ederer
1983 zog Brigitte Ederer für die 
SPÖ als Abgeordnete in den Nati-
onalrat ein. Von 1992 bis 1995 
war sie Europa-Staatssekretärin 
in der Regierung Vranitzky und 
verhandelte als Vertreterin Vra-
nitzkys gemeinsam mit Außenmi-
nister Alois Mock in Brüssel. Nach dem Ausscheiden 
als Staatssekretärin wurde sie SPÖ-Bundesgeschäfts-
führerin der SPÖ und danach Finanz- und Wirtschafts-
stadträtin in Wien. Im Jahr 2000 wechselte Ederer zu 
Siemens, wo sie erst in Österreich und dann in Deutsch-
land im Vorstand saß. Im September 2013 wurde sie 
vorzeitig abberufen. Seit September 2014 ist Ederer 
Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB.
        

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