Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201514 Schwerpunkt
W
er rechtspopulistische Parteien 
wählt oder mit Pegida spaziert, 
ist rechtsextrem, rassistisch, 
ewig-gestrig und/oder homo-
phob, verführt durch Sprücheklopfer und 
plumpe Schwarz-Weiß-Malerei, irgendwie 
einfach gestrickt eben – so weit der allge-
meine Tenor. Wenn man verhindern will, 
dass auf dem nächsten Denkzettel „Bun-
deskanzler Strache“ steht, dann lohnt es 
sich, genauer hinzuschauen. Langsam 
scheint ein Umdenken einzusetzen, Publi-
zistInnen fragen sich, welche Partei außer 
der FPÖ sich für unzufriedene Protestwäh-
lerInnen überhaupt anbietet. Für Robert 
Misik ist der Aufstieg des Populismus „pri-
mär ein Symptom für die geistige Obdach-
losigkeit vieler Bürger“, die sich von der 
Politik schon lange nicht mehr repräsentiert 
fühlen, wie er in seinem Beitrag „Rechtspo-
pulismus in Europa – Gefahr für die De-
mokratie?“ schreibt. 
Staatsfeind Nummer eins?
Das Göttinger Institut für Demokratiefor-
schung befragte und beobachtete Pegida-
„SpaziergängerInnen“, führte Gruppendis-
kussionen mit ihnen durch sowie eine On-
line-Umfrage. Die Ergebnisse wurden im 
Buch „Pegida - Die schmutzige Seite der 
Zivilgesellschaft“ zusammengefasst. Im Er-
gebnis zeigt sich ein differenziertes Bild: 
Viele DemonstrantInnen hatten sich trotz 
latenter Unzufriedenheit mit den aktuellen 
sozialen und politischen Entwicklungen 
lange Zeit kaum engagiert. „Erst ein außer-
halb des Parteiensystem stehendes, nach 
vielen Seiten hin offenes Protestbündnis, 
eine Konfliktzuspitzung im Nahen Osten 
und auf der Krim, aber vor allem die loka-
len Auswirkungen der weltweiten Krisen 
und menschlichen Notlagen, die Bereitstel-
lung von Flüchtlingsunterkünften durch 
die Städte und Kommunen mobilisierten 
einige Tausend Menschen“, heißt es im 
Buch. Die AutorInnen vermerken mit Er-
staunen, dass die befragten Pegida-Anhän-
gerInnen zum Teil über fundiertes politi-
sches Hintergrundwissen verfügen und 
nicht selten ganz konkrete Verbesserungs- 
und Änderungsvorschläge parat hatten.
Der niederländische Publizist René 
Cuperus wiederum schreibt in seinem 
Buch „Rechtspopulismus in Europa“: 
„Sparmaßnahmen, nicht enden wollende 
Reformen am Sozialstaat des Nachkriegs-
europa, die den sozialen Schutz und die 
kollektive Sicherheit aushöhlen, Ungleich-
behandlung der Interessen von Konzernen 
einerseits und derjenigen des Durch-
schnittsbürgers andererseits, andauernde 
Intensivierung und Zentralisierung der 
europäischen Integration inmitten eines 
euroskeptischen Tsunami, die Ungerührt-
heit des Establishments angesichts der fol-
genreichen Massenmigration – all das 
schürt den sozialen Neid und Unzufrie-
denheit mit der etablierten Politik.“ 
Zahlreiche Studien und Publikationen 
beschäftig(t)en sich mit der Frage, warum 
die Neuen Rechten derart an Attraktivität 
gewonnen haben. Der Zusammenhang 
mit dem sozioökonomischen Wandel und 
Umbrüchen in der Arbeitswelt lag nahe, 
wurde aber selten empirisch untersucht. 
Vor mehr als zehn Jahren startete die 
 EU-Kommission das Forschungsprojekt 
SIREN (Socio-economic Change, Indivi-
dual Reactions and the Appeal of the Ex-
treme Right), an dem acht europäische 
Länder beteiligt waren. In Österreich un-
tersuchte FORBA die Zusammenhänge 
zwischen politischen Orientierungen und 
den subjektiven Wahrnehmungen und 
Verarbeitungsformen der Umbrüche in 
der Arbeitswelt. Die Ergebnisse aus 32 
qualitativen Interviews mit Angestellten, 
ArbeiterInnen, PensionistInnen und Ar-
beitslosen wurden unter anderem 2007 
im Buch „Die populistische Lücke“ veröf-
fentlicht. 
Aufgestautes Arbeitsleid
Unsicherheit und Unzufriedenheit mit der 
Politik, die keine Sicherheit bieten kann, 
waren schon damals die Kernthemen. Auch 
die weiteren Ergebnisse der FORBA-Studie 
sind hochaktuell: Umstrukturierungen, 
Rationalisierungen, steigende Arbeits-
intensität sind allgegenwärtig im Berufs-
alltag („Man kommt heim wie ein ausge-
presster Fetzen“). Aus Sparmaßnahmen 
resultierender Personalmangel führt zu 
häufigeren Verzögerungen und Kunden-
beschwerden, Stress und Frust bei den Be-
Missbrauch des schlechten Lebens
Einkommensverluste, Arbeitslosigkeit, Druck am Arbeitsplatz, Sparpolitik: 
Menschen wenden sich nicht nur wegen diffuser Ängste den Rechten zu.
Astrid Fadler
Freie Journalistin B U C H T I P P
Ernst Hillebrand (Hrsg.):
Rechtspopulismus  
in Europa – Gefahr für  
die Demokratie?  
Dietz-Verlag, 192 Seiten,  
2015, € 16,90
ISBN: 978-3-8012-0467-9
Bestellung:
www.arbeit-recht-soziales.at
        

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