Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201516 Schwerpunkt
M
aterieller Wohlstand und eine 
 hohe Lebensqualität: Dies für die 
Menschen zu verwirklichen sollte 
eigentliches Ziel des Wirtschaf-
tens sein. In den öffentlichen Diskursen 
allerdings dominieren nicht die Ziele, son-
dern vielmehr ein potenzielles Mittel zum 
Zweck: ein möglichst hohes Bruttoinlands-
produkt (BIP) bzw. dessen jährlicher Zu-
wachs, besser bekannt unter dem Schlag-
wort Wirtschaftswachstum. Weltweit gibt 
es deshalb nun Initiativen, die Wohlstand 
und Lebensqualität in den Fokus rücken 
– und dies auch messen wollen. 
Am Anfang für diese Bemühungen 
stand die stark verbreitete Wahrneh-
mung, dass Wirtschaftswachstum die Le-
benssituation vieler Menschen nicht 
mehr verbessert. Das ist auch nicht weiter 
verwunderlich, wenn man die konzeptio-
nellen Grundlagen des BIP betrachtet. 
Diese Zahl gibt nämlich lediglich Aus-
kunft über den im Inland geschaffenen 
Mehrwert an Waren und Dienstleistun-
gen. Ein realer BIP-Zuwachs muss aber 
nicht zwangsläufig zu einer materiellen 
Wohlstandssteigerung führen. Das ist 
beispielsweise dann nicht der Fall, wenn 
die Zahl der EinwohnerInnen schneller 
steigt oder der Anteil, über den die Men-
schen im Inland verfügen, schrumpft 
oder auch, wenn ein größerer Teil der 
entstandenen Einkommen zur Budget-
konsolidierung verwendet wird. Ein Indi-
kator, der diese Einflussfaktoren berück-
sichtigt, ist das real verfügbare Pro-Kopf-
Einkommen der privaten Haushalte. Zu-
sätzlich zum BIP werden darin etwa 
Einkommen eingerechnet, die im Aus-
land entstehen (vor allem Vermögensein-
kommen wie Gewinnausschüttungen 
und Zinsen). Vergleicht man seine Ent-
wicklung mit dem BIP, so ist klar zu er-
kennen, dass die Einkommen deutlich 
langsamer wachsen, insbesondere auf-
grund der restriktiveren Budgetpolitik in 
den letzten 20 Jahren.
Verteilungsfragen ausgeblendet
Der Haushaltseinkommen-Indikator 
kann den wahrscheinlich wichtigsten Ef-
fekt der Diskrepanz zwischen subjektiver 
und objektiver Wohlstandsentwicklung 
trotzdem nicht einfangen: die zunehmen-
de – und in den letzten Jahren immer bes-
ser dokumentierte – Verteilungsschieflage, 
egal ob sie nun Einkommen, Konsum oder 
Vermögen betrifft. Mit den Arbeiten von 
Thomas Piketty und anderen ist der the-
oretische und methodische Fortschritt in 
den letzten Jahren nicht zu übersehen, der 
zum Verständnis des Zusammenhangs 
zwischen Wirtschaftswachstum und der 
Konzentration des Wohlstandes in Form 
von Vermögen einiges beigetragen hat. 
Trotz sichtbarer Bemühungen von Statis-
tik Austria, Verteilungsfragen zur Messung 
von Wohlstand und gesellschaftlichem 
Fortschritt systematisch zu integrieren, 
bleibt dieser Bereich weiter ausbaufähig. 
Die zweite große Dimension der welt-
weiten Initiativen zur Wohlstands- und 
Fortschrittsmessung bilden großteils sub-
jektive Indikatoren unter der Überschrift 
„Lebensqualität“. Selbst wenn der materi-
elle Wohlstand wächst und alle gleicher-
maßen davon profitieren, kann es zu einer 
Lücke zwischen erwartetem und tatsäch-
lich wahrgenommenem Zuwachs kom-
men. Untersuchungen zeigen, dass die 
Lebenszufriedenheit bei einem bereits ho-
hen Niveau materiellen Wohlstands durch 
weitere Zuwächse kaum mehr steigt. Frei-
zeit, Gesundheit oder soziale Beziehungen 
rücken dann in den Mittelpunkt. Diese 
Faktoren bleiben allerdings an materiellen 
Wohlstand und seine Verteilung gekop-
pelt. Ungleiche Gesellschaften sind insge-
samt tendenziell unglücklicher, ungesün-
der, sozial immobiler usw. Für Individuen 
gilt das erst recht: Niedrige Einkommen 
vermindern Lebenszufriedenheit, gesell-
schaftliche Teilhabe, Lebenserwartung, 
verschlechtern den Gesundheitszustand 
und gehen mit einer subjektiv höheren 
Umweltbelastung einher.
Wohlstandsorientierte Politik
Die Politik sollte sich nicht nur am „Mehr“ 
an produzierten Waren und Dienstleistun-
gen ausrichten – mit allen damit einher-
gehenden negativen ökologischen Aus-
wirkungen. Vielmehr sollte sie sich auf 
Wohlstand und sozialen Fortschritt kon-
Wohlstand statt Wachstum
Die Zweifel am Wachstum als zentrales Ziel der Wirtschaft werden zu Recht größer. 
Weltweit rücken Initiativen Wohlstand und Lebensqualität in den Fokus.
Georg Feigl
Referent für Öffentliche Haushalte und 
europäische Wirtschaftspolitik in der AK Wien
B U C H T I P P
Ulrich Brand,  
Katharina Pühl und  
Stefan Thimmel (Hrsg.): 
Wohlstand – wie anders? 
Rosa-Luxemburg-Stiftung,  
91 Seiten, broschiert, 
2013
Download:
tinyurl.com/ohee7vq
        

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