Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2015 19Schwerpunkt
men der Strategie Europa 2020 in vielen 
Bereichen wohlfahrtsteigernde Maß-
nahmen. Dies betrifft vor allem zielge-
richtete Investitionen in Bildung und 
Forschung. Dazu ausgearbeitete Leitin-
dikatoren sollen zur Quantifizierung des 
Gegenwartszustandes beitragen und 
Handlungsanweisungen für Entschei-
dungsträgerInnen geben. Die Indikato-
ren beziehen sich etwa auf die Beschäfti-
gung, Klimawechsel, Bildung, Armut, 
Forschung und Entwicklung usw. Im 
Allgemeinen kann man festhalten, dass 
das Engagement bei der Schaffung von 
Wohlfahrtsmaßen sehr stark zugenom-
men hat. Fast könnte man schon von 
einem institutionellen Wettkampf um 
die „besten“ Indikatoren sprechen. 
Glück als Nationalprodukt 
Für das Jahr 2010 wurde erstmals von 
Bhutan – einem asiatischen Kleinstaat – 
ein Index veröffentlicht, der im Westen 
als „Glücksindex“ (Gross National Hap-
piness Index; Abk.: GHI) bekannt wurde. 
Nun, man kann sich wohl darauf einigen, 
dass Glück im weitesten Sinne zum „gu-
ten Leben“ gehört. 
Das etwas skurril anmutende Unter-
fangen Bhutans basiert allerdings auf 
äußerst seriösen und methodisch aner-
kannten Grundlagen. Der bhutanische 
Index resultiert aus einer Befragung von 
7.142 Menschen. Kurz umrissen bein-
haltete der Fragenkatalog neun Berei-
che: psychisches Wohlbefinden, Ge-
sundheit, Zeitverwendung, Ausbildung, 
Belastbarkeit, gute Staatsführung, Ge-
sellschaftsleben, Ökologie und Lebens-
standard. Die Befragungsergebnisse 
wurden dann gewichtet und zu einem 
Index verdichtet. 
Schon im Jahr 1729 stand im Übri-
gen im Rechtskodex von Bhutan folgen-
der Satz: „If the Government cannot 
create happiness for its people, there is 
no purpose for the Government to 
exist.“ Frei übersetzt: Wenn die Regie-
rung das Volk nicht glücklich machen 
kann, dann hat diese Regierung auch 
keine Existenzberechtigung. Diese Er-
kenntnis und auch eine damit verbun-
dene Konsequenz würde man sich in der 
Jetztzeit wünschen. 
Lebensqualität, gutes Leben oder 
Glück können wohl nur subjektiv be-
wertet werden. Dennoch ist es sinnvoll, 
neue Messkonzepte in den Gesell-
schaftsdiskurs einzubringen. Aber auch 
schon Gemessenes muss Gegenstand ei-
ner öffentlichen Diskussion sein. Wie 
wichtig dies ist, zeigt ein Beispiel: 
 Derzeit wird der Anstieg der privaten 
Konsumausgaben pro Kopf als wohl-
standsvermehrend betrachtet. Nun, das 
mag für große Teile der Bevölkerung 
durchaus zutreffen, aber eben nicht 
für alle. 
Aus diesem Grund müssen die Basis-
daten z. B. nach Einkommensschichten 
gegliedert werden. Auch die Qualität 
des Konsums – die derzeit in keiner Sta-
tistik ihren Niederschlag findet – muss 
thematisiert werden. Schlagwörter dazu 
sind etwa geplante Obsoleszenz, Klima-
belastung und viele mehr. 
Ebenso weiß man aus Studien, dass 
Verteilungsgerechtigkeit zu stärkerer in-
dividueller Zufriedenheit führt: Wenn 
es allen gut geht, fühlt sich auch der 
Einzelne besser. Und ganz besonders 
wichtig: Das aktuelle und kontroversiell 
diskutierte wirtschafts- und sozialpoliti-
sche Thema Arbeitszeitverkürzung und 
-verteilung muss noch viel stärker unter 
dem Gesichtspunkt „gutes Leben“ the-
matisiert werden. Denn auch da wird 
gesellschaftlicher Zusammenhalt mani-
fest, und der tut allen gut.
Fortschritt
In diesem Sinne zum Abschluss ein Zitat 
von Ludwig Erhard aus dem Jahr 1957: 
„Wir werden sogar mit Sicherheit dahin 
gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt 
wird, ob es noch immer nützlich und 
richtig ist, mehr Güter, mehr materiellen 
Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht 
sinnvoll ist, unter Verzichtsleistung auf 
diesen ‚Fortschritt‘ mehr Freizeit, mehr 
Besinnung, mehr Muße und mehr Erho-
lung zu gewinnen.“
Internet:  
Eurostat und das „Gute Leben“:
tinyurl.com/q7fk22t 
HFCS: 
www.hfcs.at/ueber.htm 
www.grossnationalhappiness.com
EU-SILC: 
tinyurl.com/oqrtomd
„How’s Life?“ – OECD:  
tinyurl.com/otwq6yf 
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an den Autor
reinhold.russinger@akwien.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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Rechtskodex von Bhutan, 1729: „Wenn die 
 Regierung das Volk nicht glücklich machen 
kann, dann hat diese Regierung auch keine 
Existenzberechtigung.“
        

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