Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201522 Schwerpunkt
Niemand ist eine Insel
Risiken und Lasten zu teilen, aber auch vom Kuchen etwas abzugeben: Diese 
Prinzipien liegen dem heutigen Sozialstaat zugrunde. Sie haben sich bewährt.
I
n der Grippezeit sind die Kranken-
zimmer voll. Das Vorweisen der E-
Card bei der Arztassistentin ermög-
licht einen Arztbesuch, ohne zu be-
zahlen. Für die Medikamente sind nicht 
die gesamten Kosten, sondern lediglich 
eine fixe Rezeptgebühr zu entrichten. 
Kaum jemand denkt daran, dass es auch 
anders sein könnte. Es ist nicht vorstell-
bar, dass es wie in den USA mächtige 
Lobbys gibt, die eine verpflichtende 
Krankenversicherung abschaffen möch-
ten. Auch viele andere Leistungen des 
Staates sind für uns selbstverständlich. 
Der Wohlfahrtsstaat ist ein Eckpfeiler 
unseres täglichen Lebens. 
Weltweites Vorbild
Wir ärgern uns über die Straßenbahn 
oder den Zug, der morgens zu spät 
kommt. Über die rumplige Straße. Da-
rüber, dass die Schule schon so früh be-
ginnt und dass man von der Polizei auf-
gehalten worden ist.
Aber ganz ehrlich! Stellen wir uns 
einmal ein „gutes Leben“ ohne staatli-
che Leistungen vor. Ja, vom Bruttoge-
halt würde definitiv mehr Netto blei-
ben. Denn wir zahlen dafür, dass wir 
uns gegen Arbeitslosigkeit, gegen Ar-
mut im Alter, gegen Krankheit absi-
chern. 
Wir teilen das Risiko mit den ande-
ren. Dadurch erwerben wir aber auch 
Ansprüche. Wir bekommen eine Er-
satzleistung, wenn der Job weg ist – ein 
Umstand, der in Österreich im Jahr 
2014 immerhin 922.387 Menschen 
 betroffen hat. Neben dieser Versiche-
rungsleistung ist die Bereitstellung öf-
fentlicher Güter und Dienstleistung ein 
wichtiges Instrument, um die Lebenssi-
tuation zu verbessern. Das beginnt mit 
der Bereitstellung von Wohnbauten mit 
leistbaren Mieten, von Straßen, Schulen 
und öffentlicher Sicherheit. Im öffentli-
chen Verkehr bis hin zum Krankenhaus 
arbeiten damit auch Menschen für die 
Allgemeinheit. 
Risiko teilen
Klar gibt es eine kleine Gruppe von gut 
verdienenden Menschen, die sich all 
 diese Leistungen auch privat organisie-
ren kann. Es gibt Privatspitäler, Privat-
schulen, private Absicherung, private 
Security. Aber bei einem durchschnitt-
lichen Monatseinkommen von brutto 
rund 1.900 Euro bzw. bei einem 
 Bruttohaushaltseinkommen von etwa 
3.600 Euro würde eine österreichische 
Durchschnittsfamilie mitunter Schwie-
rigkeiten haben, wenn all diese Leis-
tungen auf privater Basis von gewinn-
orientierten Unternehmen zugekauft 
werden müssten. 
Uns geht’s gut, weil wir den Sozial-
staat geschaffen haben. Ist das Schön-
färberei? Nein, sagen auch US-Öko-
nomen wie Jeffrey Sachs, die den euro-
päischen Wohlfahrtsstaat (auch wenn es 
davon viele Varianten gibt) weiterhin 
als weltweites Vorbild bzw. Standort-
vorteil sehen. Der Wohlfahrtsstaat ver-
teilt zwischen Reich und Arm und zwi-
schen verschiedenen Lebenslagen um. 
Manche haben lange Ausbildungszei-
ten, die von der Allgemeinheit finan-
ziert werden, dafür haben sie dann hö-
here Einkommen mit einem progressi-
ven Steuersatz und zahlen deshalb mehr 
Steuern. 
Andere werden in einem öffentlich 
zugänglichen, dabei qualitativ hochwer-
tigen Gesundheitssystem schneller ge-
heilt und tragen dann arbeitend auch 
wieder zu dessen Finanzierung bei. 
Obwohl unser Wohlfahrtsstaatssys-
tem sehr weit entwickelt ist, heißt das 
nicht, dass sich nicht die Anforderun-
gen ändern, es keine Lücken hat und 
nicht laufend mit den Bedürfnissen der 
Bevölkerung mit- und weiterentwickelt 
werden soll und muss. 
Aufstieg möglich
Neben den absichernden Elementen des 
Staates ist auch zentral, dass die staat-
lichen Leistungen unterstützen, dass sich 
Menschen in die Gesellschaft integrie - 
ren können, ein gesellschaftlicher Auf-
stieg ermöglicht und soziale Ausgren-
Christa Schlager
Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik 
der AK Wien
B U C H T I P P
Kate Pickett,  
Richard Wilkinson:
Gleichheit ist Glück
Warum gerechte Gesell schaften 
für alle besser sind 
Verlage Haffmans & Tolkemitt,  
368 Seiten, 2013, € 20,50
ISBN: 978-3-942989-38-1
Bestellung:
www.arbeit-recht-soziales.at
        

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