Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2015 23Schwerpunkt zung vermieden wird. Es geht also auch um Möglichkeiten, teilzuhaben und beizutragen. Ungleiche Voraussetzungen schaffen auch ungleiche Ergebnisse, wie For- schungen des US-Professors John Roemer zeigen. Wenn jemand in einem 100-Meter-Lauf günstigere Startbe- dingungen hat, also bei Meter 50 los- sprintet, wird er klarerweise viel leichter gewinnen können. Daher muss mittels Steuerpolitik vermieden werden, dass sich ungleiche Voraussetzungen verfestigen und quasi- feudale Strukturen immer fortschrei- ben. Berühmte Ungleichheitsforscher wie Thomas Piketty, Tony Atkinson oder Joseph Stiglitz treten deshalb für eine Besteuerung von hohen Vermögen in Form von Erbschafts- und Vermögens- steuern ein. Zentraler Schlüssel Bildung Öffentliche Dienstleistungen und Inves- titionen helfen viel stärker mit, diese In- tegrationsfunktion zu gewährleisten, als reine Geldleistungen. Als zentraler Schlüssel wird hier Bil- dung gesehen. Es beginnt mit der früh- kindlichen Erziehung, der Elementar- bildung, wo eine soziale Durchmi- schung sich gesamtgesellschaftlich posi- tiv auswirkt, und setzt sich bis zum offenen Zugang für den Besuch von Universitäten fort. Viele unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzen können damit schon früh gesammelt werden. Das ist keine radikale oder ideologische Forderung, sondern wird auch von internationalen Organisationen wie der OECD und auch den österreichischen Sozialpart- nern gemeinsam unterstützt. Überzogene Hoffnung Eine Geldleistung allein, etwa ein Grund- einkommen, leistet diese Integrations- leistung nicht. Dies ist vielmehr eine überzogene Hoffnung, die mit dem Begriff verbunden wird. Denn eigent - lich wird hier eine Geldleistung ge- fordert, ein Transfer, über dessen Zweck und Verwendung nichts gesagt werden kann. Auch entpuppen sich oftmals gefei- erte Beispiele bei näherem Hinsehen als mickrige Alternativen. Ein aktuelles Beispiel aus Finnland zeigt, dass es sich hier um nichts mehr als um eine Anpas- sung einer Lohnsubvention handelt – mit Arbeitspflicht. Gerade die aktuelle Debatte über den Umgang mit flüchtenden Men- schen zeigt auch, dass eine Grundver- sorgung ein wichtiger, aber noch lange kein hinreichender Baustein für eine erfolgreiche Integration in die Gesell- schaft ist. Hier wird wieder zurückge- griffen auf Institutionen, die erstritten und erkämpft wurden und sich seither bewähren: Schule, Ausbildungssysteme, aktive Arbeitsmarktpolitik, soziale Ab- sicherung. Es ist die Kombination zwischen Unterstützung und Beitrag, Umverteilung und Anerkennung, die wichtige Elemente des sozialen Aus- gleichs sind. Die gute Nachricht ist zudem, dass Menschen sich in Gesellschaften, die nach sozialer Gerechtigkeit streben, besser fühlen als in ungleichen, wie die britischen Forscher Kate Pickett und Richard Wilkinson herausgefunden haben. Nein, es ist nicht alles paletti. Unsere Gesellschaft und damit auch das wohlfahrtsstaatliche System stehen vor vielen Herausforderungen. Ein gutes Leben kann in der heuti- gen Zeit für viele Menschen individuell ganz Verschiedenes bedeuten. Auch der Ressourcenverbrauch, die Umwelt, setzt hier Grenzen. Auf der anderen Seite wurde durch die Globalisierung die Welt zum Dorf und viele Grenzziehun- gen finden neu statt. Vorzüge Wenn wir uns der Vorzüge des Wohl- fahrtsstaates bewusst sind und an den bestehenden Herausforderungen arbei- ten, kann vieles im Sinne eines guten Lebens gelingen. Ein System, das auf ge- meinschaftlicher Tragung der Risiken und sozialem Ausgleich fußt, schafft vielfache Voraussetzungen dafür, dass vielen Menschen Möglichkeiten eröff - net werden und sie sich wohlfühlen – und nicht nur einige wenige. Internet: OECD – In It Together: Why Less Inequality Benefits All: tinyurl.com/ppovctc Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin christa.schlager@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Wenn wir uns der Vorzüge des Wohlfahrts - staates bewusst sind und an den bestehenden Herausforderungen arbeiten, kann vieles im Sinne eines guten Lebens gelingen.

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