Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201528 Schwerpunkt
Harte Zahlen, bitte!
Bisher ist es den Firmen überlassen, ob sie in ihren Geschäftsberichten über soziale 
und Umweltaktivitäten berichten. Das muss zur Pflicht werden.
V
or wenigen Wochen wurden Lese-
rInnen eines österreichischen Wo-
chenmagazins überrascht. Statt der 
üblichen Beilagen von Autofirmen 
oder anderen Konsumartikeln war dem 
Magazin ein „Nachhaltigkeitsmagazin“ 
der Post AG beigelegt. In der Präambel 
ist zu lesen, dass es Ziel des Magazins ist, 
„mit offenen Augen und Ohren durch 
die Welt zu gehen, mit den Kunden, den 
Mitarbeitern und anderen Stakeholdern 
zu reden und zu zeigen, welche Maßnah-
men ergriffen werden, um auch in Zu-
kunft wertvolle Beiträge für die Gesell-
schaft leisten zu können“. 
Offengelegt
Den LeserInnen präsentierte sich ein 
buntes Magazin mit vielen plakativen 
Storys wie: „Die an ihre Grenzen gingen: 
MitarbeiterInnen stellen bei einem Staf-
fellauf einen Weltrekord auf“. Unter dem 
Titel „So grün ist die gelbe Post“ beschäf-
tigte sich ein Artikel mit Postprojekten 
für die Umwelt. Handfeste Zahlen, Ver-
gleiche, Entwicklungen über relevante 
Indikatoren wie Aus- und Weiterbildung, 
Arbeitsunfälle, Diversität, Einkommens-
verteilung oder Umwelt hingegen such-
ten die LeserInnen vergeblich. So weit, 
so oberflächlich. Es wäre jedoch zu kurz 
gegriffen, würde man der Post AG unter-
stellen, mit Informationen zu ihren Ak-
tivitäten in Sachen Nachhaltigkeit hin-
term Berg zu halten. Auf ihrer Homepage 
veröffentlicht sie – im Unterschied zu 
vielen anderen Unternehmen – einen 
echten Nachhaltigkeitsbericht mit zahl-
reichen Indikatoren, mehr oder minder 
exakt dargestellt. 
Marketingthema
Nachhaltigkeit ist für die meisten Unter-
nehmen mittlerweile ein unverzichtbares 
Marketingthema geworden. Das zeigt 
auch die Strategie der Post deutlich. 
Ernsthafte Berichterstattung setzt jeden-
falls voraus, dass nicht bunte Bilder und 
gute Storys, sondern harte Zahlen, Daten 
und Fakten über soziale oder ökologische 
Belange dargestellt werden. Diesen An-
spruch wiederum erfüllen nur wenige 
Unternehmen. Einer Studie von 
Ernst&Young zufolge veröffentlicht nur 
etwa jedes vierte der 100 umsatzstärksten 
Unternehmen in Österreich einen Nach-
haltigkeitsbericht. Damit hinkt Öster-
reich weit hinter anderen Ländern nach. 
In Frankreich, Dänemark und Großbri-
tannien beispielsweise publizieren die 
größten Unternehmen mittlerweile fast 
lückenlos entsprechende Berichte. 
Die EU hat nun eine Richtlinie er-
lassen, die bis Ende 2016 in den Mit-
gliedstaaten umgesetzt werden muss. 
Diese schreibt für große börsennotierte 
Unternehmen und Finanzinstitute eine 
Sozial- und Umweltberichterstattung 
(„nichtfinanzielle Leistungsindikato-
ren“) vor. Dabei gibt es jedoch einen 
Wermutstropfen: Anders als bei der üb-
rigen Finanzberichterstattung üblich, 
hat die EU keine exakten Vorgaben 
 gemacht, wie eine derartige Umwelt-
berichterstattung inhaltlich gestaltet 
sein muss. Festgelegt wurden lediglich 
sehr allgemein gehaltene Themengebiete 
wie etwa Umwelt-, Sozial-, und Arbeit-
nehmerInnenbelange, Menschenrechte 
oder die Bekämpfung von Korruption. 
Was darunter jeweils zu verstehen ist, ist 
der Interpretation der Mitgliedstaaten 
überlassen. Nicht festgelegt wurde auch, 
ob die Berichterstattung von externen 
PrüferInnen geprüft werden muss, um 
die Zuverlässigkeit der Zahlen und Da-
ten zu gewährleisten. Damit ist auch zu 
befürchten, dass diese Berichte nicht auf 
gleicher Augenhöhe mit den Finanzbe-
richten im Aufsichtsrat und der Haupt-
versammlung behandelt werden und 
damit wirkungslos bleiben. 
Freiwilligkeit
Seit dem EU-Grünbuch 2001 war eine 
 gesellschaftlich verantwortliche Unter-
nehmensführung (Corporate Social Re-
sponsibility – CSR) untrennbar mit dem 
Prinzip der Freiwilligkeit verbunden. Die 
Unternehmen sollten aus freien Stücken 
mehr für die Gesellschaft leisten, als ih-
nen von Gesetzes wegen vorgeschrieben 
war. Der Markt, so die Annahme, würde 
diese gute Unternehmensführung auch 
entsprechend belohnen. Dem war aller-
dings nicht so. ArbeitnehmervertreterIn-
nen waren seit jeher äußerst skeptisch 
und ordneten das eher als PR-Gag ein 
denn als fundamentale Neuausrichtung 
der Unternehmensführung. Immerhin 
konnten sie täglich eher eine Verschär-
fung denn eine Verbesserung der Arbeits-
bedingungen erleben. Und auch die EU 
glaubt mittlerweile nicht mehr so recht 
Heinz Leitsmüller
Abteilung Betriebswirtschaft AK Wien
Ulrich Schönbauer
Abteilung Betriebswirtschaft AK Wien
        

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