Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201534 Schwerpunkt
Werbung mit schlechtem Leben
In einer deutschen Seifenoper werden Zeit- und Schwarzarbeit angepriesen.  
Ein Zufall? Im Gegenteil, eine Lobbyorganisation hat dafür bezahlt.
J
enny Busch ist Alleinerzieherin und 
betrieb bisher ein Blumenfachge-
schäft. Dieses musste sie nun aufge-
ben. Doch verzagen wollte sie nicht, 
sondern sie setzte auf „Eigeninitiative“. 
Mit Erfolg. „Ich habe einen Job!“, berich-
tet sie freudestrahlend einem Freund. Der 
fragt: „Bei dieser Zeitarbeitsfirma?“ – 
„Nicht nur einen Job!“, antwortet Jenny. 
„Eine richtig feste Anstellung, Schwer-
punkt Verkauf und Akquise! Und das 
 Beste ist: völlig flexible Arbeitszeiten, und 
wenn ich mal nicht kann, wegen der 
 Kinder oder so, dann schicken sie einfach 
einen Kollegen und die Kernarbeitszeit 
kann ich auch bestimmen!“ Da freuen 
wir uns doch für Jenny! Vielleicht finden 
wir sogar, dass diese Arbeit bei so viel 
 Flexibilität eine tolle Sache sein muss. 
Zumindest hätte dann die von deutschen 
Arbeitgeberverbänden finanzierte Initia-
tive Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ihr 
Geld gut angelegt. 
Werbung für Zeitarbeit
Die geschilderte Szene stammt aus der 
deutschen Seifenoper „Marienhof“, die 
immerhin fünf Jahre über deutsche Fern-
sehbildschirme flimmerte. Die von Jenny 
begeistert als „feste Anstellung“ gepriese-
ne Stelle ist in Wahrheit nichts anderes 
als Zeitarbeit, und es gibt einen guten 
Grund, warum diese in der Soap so po-
sitiv dargestellt wird: Die Initiative Neue 
Soziale Marktwirtschaft hatte eigene Di-
aloge in die Serie einfließen lassen. Sie 
ließ sich diesen „Spaß“ 58.670 Euro kos-
ten. In den von INSM ergänzten Dialo-
gen wurde für die angeblichen Vorzüge 
von Zeitarbeit geworben sowie für die 
Notwendigkeit zur Eigeninitiative. Und 
es wurden Klagelieder auf angeblich zu 
hohe Steuerbelastungen und Lohnneben-
kosten für UnternehmerInnen gesungen. 
Auch der oben angeführte Dialog war 
gekauft. 
Neue Dimension
Auch wenn die Serie im Jahr 2011 ein-
gestellt wurde, so ist das dahinterliegende 
Problem weiterhin brennend aktuell. Ver-
sprechungen über das gute Leben, das 
man eben nur dann führe, wenn man ein 
bestimmtes Produkt sein Eigen nennt 
oder konsumiert, sind aus der Werbung 
altbekannt. Dass aber dafür bezahlt wird, 
in einer TV-Serie ganz bestimmte Vor-
stellungen des guten Lebens oder Arbei-
tens zu propagieren, ist immerhin eine 
neue Dimension. 
Man muss den „Marienhof“ in den 
Kontext der damaligen politischen Situ-
ation setzen: Im Jahr 2002 wurde die 
Arbeitsmarktpolitik in Deutschland von 
der rot-grünen Regierung neu ausge-
richtet. Die INSM war an vorderster 
Front dabei. In einer Einschätzung der 
NGO „Lobby Control“ heißt es: „Die 
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft 
drängte 2002 massiv auf eine Flexibili-
sierung des Arbeitsmarkts.“ 
Der Kauf von Dialogtexten in einer 
Seifenoper des deutschen Fernsehens 
war also Teil einer politischen Strategie, 
marktradikale und neoliberale Positio-
nen innerhalb der Gesellschaft mehr-
heitsfähig zu machen. Selbst vor der Be-
schönigung von Schwarzarbeit wurde 
nicht zurückgeschreckt. So legte die 
INSM in Folge 1.962 vom 29. Juli 2002 
der Verkäuferin Toni diese an ihren Chef 
gerichteten Worte in den Mund: „Ich 
könnte auch schwarz für Sie arbeiten! 
Sie würden eine Menge Geld sparen! 
Wie z. B. die ganzen Sozialabgaben und 
das Urlaubsgeld und ich weiß nicht was 
noch alles!“
Die INSM hatte sich in insgesamt 
sieben Folgen der Serie eingekauft, ohne 
dass dies von den Sendeverantwortli-
chen jemals offengelegt worden wäre. 
Dass wir davon heute überhaupt wissen, 
haben wir dem Investigativjournalisten 
Volker Lilienthal zu verdanken, der sich 
auch durch Strafandrohungen von 
250.000 Euro nicht von seinen Recher-
chen abhalten ließ. 
Herausforderung Social Media
Seitdem hat sich vieles geändert. Steckten 
soziale Netzwerke 2005 noch in den 
 Kinderschuhen, sind sie heute ein we-
sentliches Kommunikationsinstrument. 
Für die PR-Branche sind sie vor allem 
deshalb interessant, weil sich damit völ-
lig neue Möglichkeiten zur Verbreitung 
 unterschwelliger Botschaften ergeben 
 haben. 
Diese Möglichkeiten wurden etwa 
von der Wiener PR-Agentur mhoch3 
genutzt. Die Agentur hat sich ganz auf 
das Internet und soziale Netzwerke in 
allen Ausprägungen spezialisiert. Neben 
„Social Media Marketing“ und „Blog 
Marketing“ ist auch „Online Reputati-
on Management“ im Angebot: „Machen 
Sie sich nicht erst Gedanken, wenn ein 
Christian Bunke
Freier Journalist
        

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