Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2015 7Aus AK und Gewerkschaften
AK/ÖGB:
Zu wenig Zeit für Lehrlinge
Der erste Lehrlingsmonitor stellt Lehrausbildenden ein schlechtes Zeugnis aus. Die Gewerkschaftsjugend 
 fordert  Qualitätsstandards für die Lehre.
GPA-djp:
1.700 Euro: „Das ist wohl das Mindeste!“
270.000 Menschen  in Österreich haben Vollzeiteinkommen an der Armutsgrenze. Frauen sind davon deutlich 
stärker betroffen als Männer. 
Während die duale Ausbildung zunehmend 
zum Exportschlager avanciert, streben 
hierzulande immer weniger Jugendliche 
eine Lehre an. Um diesem Widerspruch 
auf den Grund zu gehen, haben Arbeiter-
kammer und der ÖGB eine umfassende 
Befragung beauftragt: den ersten öster-
reichweiten Lehrlingsmonitor. Die Ergeb-
nisse sollten den Unternehmen zu denken 
geben: „Zwei von fünf Lehrlingen sehen 
ihren Ausbildner, ihre Ausbildnerin nur 
manchmal oder sie kennen ihn/sie gar 
nicht. Ein ähnlich hoher Anteil bekommt 
nur kaum oder gar keine Rückmeldung 
zum Ausbildungsfortschritt. Jeder dritte 
Lehrling gibt sogar an, immer oder häufig 
für ausbildungsfremde Tätigkeiten einge-
setzt zu werden“, zitiert Autor Peter 
Schlögl zentrale Erkenntnisse der Studie. 
Weitere Punkte im Sündenregister: 
„Nicht einmal zwei Drittel der Lehrbe-
triebe (61 Prozent) interessieren sich da-
für, was die Jugendlichen in der Berufs-
schule lernen – und jeder zweite Lehrling 
sagt, dass es bei neuen Arbeitsaufgaben 
nicht genug Zeit zum Ausprobieren 
gibt.“ Ausgerechnet jene Branchen, die 
am lautesten nach Lehrlingen schreien, 
sind im Übrigen auch jene, in denen die 
Jugendlichen nicht bleiben wollen. „Die 
Jugendlichen wollen keine unfreiwilligen 
Überstunden machen, um den Betrieb 
aufrechtzuerhalten“, hält Vanessa Radu, 
Bundesjugendsekretärin der vida, fest. 
„Die Aufgabe der Betriebe ist es, die 
Lehrlinge auszubilden und sie auf ihrem 
Weg zur Lehrabschlussprüfung zu beglei-
ten.“ „Was im schulischen Bereich un-
vorstellbar wäre, ist in der Lehrlingsaus-
bildung der Normalfall: Es wird nicht 
kontrolliert, wie gut oder schlecht die 
Jugendlichen ausgebildet werden“, kriti-
siert ÖGJ-Vorsitzender Sascha Ernszt. 
„Das zu ändern muss eine Lehre aus dem 
ersten Lehrlingsmonitor Österreichs 
sein.“ Auch AK-Präsident Rudi Kaske 
hält fest: „Derzeit ist die Lehrabschluss-
prüfung der einzige Gradmesser für die 
Qualität der praktischen Ausbildung in 
den Betrieben. Es gibt in den meisten 
Betrieben keine weitere Überprüfung, 
und das soll sich ändern.“ ÖGB-Präsi-
dent Erich Foglar wiederum betont: „Da 
Arbeits- und Ausbildungsbedingungen 
maßgeblich für die Zukunft der Arbeit-
nehmerInnen sind, gehört für uns eine 
umfangreiche Ausbildung für die Lehr-
lingsausbildnerInnen in den Betrieben 
sowie ständige Weiterbildung der Aus-
bildnerInnen dazu. Die Lehrlinge kön-
nen nur so gut sein, wie jene, die sie aus-
bilden.“ Von nun an wollen Gewerk-
schaften und AK alle zwei Jahre aus Sicht 
der Lehrlinge Vergleiche und Rück-
schlüsse ziehen, ob die Lehrausbildung 
einen Schritt nach vorn oder zurück 
macht.
Infos unter: 
www.lehrlingsmonitor.at
In Österreich verdienen immer noch knapp 
zwölf Prozent der Vollzeitbeschäftigten 
unter 1.500 Euro brutto, das sind rund 
270.000 Menschen. Netto entspricht das 
1.161 Euro und damit ziemlich genau 
dem Grenzwert, mit dem Armutsgefähr-
dung definiert wird. „Wir sind überzeugt, 
dass es höchste Zeit ist, die Mindest - 
löhne und Gehälter stärker anzuheben“, 
erklärt Wolfgang Katzian, Vorsitzender 
der GPA-djp. 
1.700 Euro brutto bei Vollzeitbe-
schäftigung, das sind ab 1. Jänner 2016 
mit der von den Gewerkschaften erfolg-
reich durchgesetzten Steuerreform rund 
1.250 Euro netto. „Das ist keine Utopie, 
sondern eine unabdingbare Vorausset-
zung, um ein selbstbestimmtes Leben 
führen zu können“, so Katzian.
Das Meinungsforschungsinstitut 
IFES hat eine Sonderauswertung des 
Arbeitsklima Index durchgeführt. Die 
Daten bestätigen, dass eine Erhöhung 
für die Lohn und -gehaltsgruppen unter 
1.700 Euro massive Auswirkungen auf 
ihre Lebensgestaltung hat. Die Anhe-
bung ist außerdem ein wirksamer Schritt 
für mehr Einkommensgerechtigkeit 
zwischen den Geschlechtern und zum 
Schließen der Einkommensschere. Frau-
en sind in viel höherem Ausmaß von 
niedrigen Vollzeiteinkommen betroffen 
als Männer. Auch Teilzeitbeschäftigte, 
von denen besonders viele weiblich sind, 
würden von einer Erhöhung profitie-
ren. „Die Selbstbestimmung von Frau-
en, nicht nur im Erwerbsleben, sondern 
darüber hinaus in der Pension, setzt ein 
Einkommen voraus, von dem man le-
ben kann“, betont Bundesfrauenvorsit-
zende der GPA-djp Ilse Fetik.
In einer Aktionswoche Anfang De-
zember haben KollegInnen der GPA-
djp in Betrieben und im öffentlichen 
Raum Unterstützungsunterschriften für 
diese Forderung gesammelt. Die GPA-
djp wird dieses Ziel zudem bei allen 
 anstehenden Kollektivvertragsrunden 
konsequent verfolgen.
Infos unter: 
www.gpa-djp.at/aktionswoche
        

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