Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/20158 Interview
Arbeit&Wirtschaft: Kann man die Frage 
nach dem guten Leben angesichts hoher 
Arbeitslosigkeit, Armut, stagnierenden 
L�hnen oder Fl�chtlingsbewegungen 
�berhaupt stellen?
Ulrich Brand: Es gibt ja eine dominieren-
de Vorstellung in der Gesellschaft, was das 
gute Leben ist: Man soll viel verdienen, viel 
konsumieren, nicht zu viele Fragen stellen, 
diszipliniert sein. Wenn man sich die Ge-
werkschaftszeitungen ansieht, etwa die 
neue Ausgabe (der �Kompetenz�, Anm.): 
Da geht es um die Kollektivvertragsver-
handlungen, zu sehen ist ein junges P�r-
chen, und �ber ihnen schwebt eine Wolke 
mit Auto, K�hlschrank, Reise,  Eurozeichen 
und so weiter. 
Doch das hat eine Kehrseite: So wie 
das gute Leben  heute verstanden wird, 
f�hrt es dazu, dass Menschen arbeitslos 
werden, dass Ressourcenzufl�sse hier zu 
Ressourcenkriegen woanders f�hren, so-
dass Menschen fliehen. Die heutige Vor-
stellung vom guten Leben ist individuali-
siert, erzeugt viel Druck und das f�hrt zu 
Problemen. 
Wir m�ssen die Frage des guten Le-
bens anders stellen und beantworten: Ein 
gutes Leben ist ressourcenleicht, solida-
risch, �kologisch nachhaltig, nicht auf 
Kosten anderer.
Ist es denn so unverst�ndlich, dass man 
nicht verzichten m�chte? 
Es gibt zwei Dimensionen bei dieser Dis-
kussion, die erste w�re: Wir wissen vor al-
lem aus der Gesundheitsforschung, dass ab 
einem bestimmten Einkommen subjekti-
ves Gl�cksempfinden gr��er ist, wenn die 
Verteilung gleicher ist. Wilkinson und Pi-
ckett haben gezeigt, dass das individuelle 
Wohlbefinden durchaus etwas mit der Ge-
sellschaft zu tun hat, n�mlich mit einem 
Gef�hl, dass es mehr oder weniger gerecht 
zugeht, dass es auch anderen nicht so 
schlecht geht. Zweitens: Aus meiner Sicht 
ist Debatte um gutes Leben keine Debatte 
um Gl�ck. Gl�ck ist etwas Individuelles, 
man kann viel Geld haben und ungl�ck-
lich sein. Die Frage nach dem guten Leben 
heute ist vielmehr die Frage nach den ge-
sellschaftlichen Bedingungen, unter denen 
die Menschen solidarisch, ausk�mmlich 
und nachhaltig leben k�nnen. Das ist aus 
meiner Sicht der Kern der Debatte.
Jetzt kommen wir an eine Scheidestel-
le, denn es gibt eine �kologische Restrikti-
on. Wir k�nnen nicht mehr sagen: Die 
Bedingung f�r ein gutes Leben ist ein In-
dustriekapitalismus, der nicht so genau 
schaut, wo die Ingredienzen des Kuchens 
herkommen, Hauptsache der Kuchen 
w�chst und wir k�nnen die St�cke vertei-
len. Wir m�ssen genauer fragen: Was hat 
es mit den Ingredienzen des Kuchens auf 
sich? 
Aber kann man Menschen in den Nicht-
Industriel�ndern wirklich �bel nehmen, 
dass sie die gleichen Konsumm�glichkei-
ten haben wollen?
Ich w�rde nicht sagen: Die Chinesen sol-
len unsere Konsumm�glichkeiten haben, 
etwa in der Mobilit�t. Es braucht in China 
dringend ein anderes gesellschaftliches Be-
wusstsein. Es geht nicht, dass du ein Auto 
hast, sobald du ein bisschen im Wohlstand 
lebst, wenn du dann Mittelklasse bist � und 
zwar nicht als moralische Ansprache, son-
dern als gesellschaftspolitisches Problem. 
Jetzt kommen in China die Smogs wieder, 
das ist ein Desaster. Und die Leute wissen 
doch, dass es ein Desaster ist. 
Die staatlichen Politiken �ndern sich 
jetzt ein bisschen. Nur hat das Zentralko-
mitee in China 1980 entschieden: Wir 
erh�hen die Mobilit�t weitgehend �ber 
Automobilit�t. Nur warum hat der Staat 
nicht gesagt: Wir machen das �ber �ffent-
lichen Verkehr? Heute machen sie es, aber 
das ist total additiv zum gro�en Drive Au-
tomobilit�t. Ich w�rde sagen: Die Men-
schen in China sollen eine befreiende Mo-
bilit�t haben, die auf einem guten, �ffent-
lichen Verkehr basiert. Verstehen Sie mich 
nicht falsch: Ich will nicht den morali-
schen Zeigefinger erheben, sondern auf 
die gesellschaftspolitischen Probleme hin-
weisen.
Lieber gutes Fleisch und davon weniger 
als billiges: Das klingt doch nach Ver-
zicht, oder?
Dieser Rahmen � und der ist sehr stark in 
der Gewerkschaft vertreten � ist aus meiner 
Sicht falsch. Vielmehr m�sste man sagen: 
Knallharte Machtfragen
Politikwissenschafter Ulrich Brand �ber den �berholten Glauben an die heilenden 
Kr�fte von Wachstum und Konsum und den Reiz der Arbeitszeitverk�rzung.
Z U R  P E R S O N
Ulrich Brand  
ist Professor f�r  Internationale 
Politik an der Universit�t Wien. 
Er studierte Betriebswirtschaft, 
Politikwissenschaft und Volks-
wirtschaftslehre in Ravensburg, 
Frankfurt am Main, Berlin und 
Buenos Aires. Seine Forschungs-
schwerpunkte sind Globalisierung, Politische �kono-
mie, Umwelt- und Ressourcenpolitik, Gesellschaft-
liche Naturverh�ltnisse und Soziale Bewegungen.
        

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