Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2015 9Interview
Wir brauchen ein anderes Verständnis von 
Wohlstand. Ich würde den Leuten nicht 
ihr Schnitzel verbieten. Vielmehr muss gu-
tes Fleisch gesellschaftlich so verstanden 
werden, dass es ökologisch produziert wird, 
zwar etwas teurer ist, aber dass ich Freude 
habe, wenn ich zweimal die Woche Fleisch 
esse. Das sind kulturelle Veränderungen – 
und ich glaube, dass da die Gewerkschaften 
eine zentrale Rolle spielen. Die Verzicht-
forderung zählt zudem zu den konservati-
ven Vorschlägen. Die halte ich für ziemlich 
problematisch, weil wenn sie Verzicht oder 
Gürtel enger schnallen sagen, dann meinen 
sie: die Ärmeren. Oder den Süden. Da wür-
de ich sagen: Nein, es geht um einen soli-
darischen Umbauprozess. 
Wie viel haben diese Fragen mit Vertei-
lung zu tun? 
Wir müssen die Frage des Übergangs oder 
der sozial-ökologischen Transformation, 
wie ich es bezeichne, unbedingt mit Ver-
teilungsfragen kurzschließen. Aber nicht 
nur. Da würde ich die Leute in die Pflicht 
nehmen. Es muss eben nicht das Men-
schenrecht auf das tägliche Schnitzel sein. 
Wir wissen aus allen Gesundheitsstudien, 
dass wir zu viel Fleisch essen. Es ist also ge-
sünder, es ist solidarischer, und es gibt hier 
super regionales Essen, das nachhaltig an-
gebaut wird. 
Der Umbauprozess hängt aber natür-
lich mit der Verteilungsfrage zusammen. 
Man sollte eben nicht bei den einkom-
mensschwachen Hacklern oder sogar bei 
den Arbeitslosen anfangen. Bisher läuft 
die Alternativdiskussion – der Hype um 
Thomas Piketty oder Joseph Stiglitz, die 
beide in traditionellen Wachstumskatego-
rien denken – unter dem Verteilungsge-
sichtspunkt. Ich würde den nie aufgeben 
wollen – auch die Verteilung von Macht, 
nicht nur von Einkommen und Vermö-
gen. Aber ein Systemimperativ heute lau-
tet: Es gibt drei wirtschaftspolitische For-
derungen, nämlich Wachstum, Wachs-
tum, Wachstum. Die Systemlogik ist: 
Geh nicht an die Macht der Vermögen-
den, geh nicht an die Macht des Kapitals. 
Das muss infrage gestellt werden.
Und die Bevölkerung muss an diesem 
Prozess beteiligt werden. „Nur das Kapital 
macht“: Das wäre mir zu wenig. Genauso 
zu sagen: „Nur die Leute, der Konsument 
macht das, wir kriegen das über den Life-
style hin.“ Das glaube ich nicht, das sind 
knallharte Machtfragen. 
Über Werbung werden Bedürfnisse bei 
den Menschen geweckt, die eigentlich der 
Profitlogik von Unternehmen dienen. 
Kann man sich dem überhaupt entzie-
hen?
Ich denke schon. Es gibt natürlich Produk-
tivitätssteigerungen – hoffentlich gibt es 
die, ein sozial verantwortlicher Unterneh-
mer hat allein schon einen Expansions-
zwang, wenn er keine Leute entlassen will. 
Aber wir könnten ja auch die alte Idee von 
Keynes aufnehmen, der 1930 in seinem 
„Text an die Enkel“ geschrieben hat: Wenn 
wir Produktivitätswachstum haben, könn-
te das ja auch über Arbeitszeitverkürzung 
laufen. Was wäre das für ein kultureller 
Wandel! 
Und jetzt nehmen wir noch die 
Flüchtlingsfrage dazu und verbinden sie 
mit einem Wunsch, der sich in allen Um-
fragen zeigt: Die Menschen wollen 30 
Stunden arbeiten. Die Debatte um ande-
re Wohlstandsmodelle und Machtfragen 
mit der 30-Stunden-Frage zusammenzu-
bringen: Das wäre die Aufgabe von Ge-
werkschaften und Arbeiterkammern. Die 
Leute haben doch bewiesen, dass sie be-
reit sind, ihre Klamotten herzugeben, 
und ich würde das nicht als Wohlstands-
müll denunzieren. Da haben Menschen 
geteilt, weil andere Menschen in Not wa-
ren. Wenn wir das umstellen und sagen: 
Ja, ich bin glücklicher mit 30 Stunden, 
ich habe eine gute öffentliche Infrastruk-
tur, ich werde nicht über den Tisch gezo-
gen und ich kann mich für etwas anderes 
einbringen – ich kann zum Beispiel fünf 
Stunden die Woche Unterricht für 
Flücht linge geben. Das ist doch irre! Da 
würde die Gesellschaft anfangen umzu-
denken. 
„Raus aus der Beschleunigung“ versus 
„Rein in den Konsum“. Wie lässt sich 
dieser Widerspruch entkoppeln? 
Ein kleiner gedanklicher Umweg: Ich 
sage, es muss aus meiner Sicht ein be-
dingungsvolles Grundeinkommen geben, 
und zwar nicht als Zwang, sondern dass 
man mit seiner Zeit auch Sinnvolles 
 machen kann. Der kulturelle Wandel 
wäre: Ich habe mehr Zeit für anderes, 
für mich, für die Familie, für mein Grätzl, 
für die Politik, wie auch immer. Dann 
 würde es eben nicht bedeuten „Mehr 
Zeit ist mehr Konsum“. Das wird uns 
aber nahegelegt: Du bist völlig entfrem- 
det in der Arbeit, du hältst die Klappe 
von Montag bis Freitag und am Samstag 
gehst du zu Saturn oder kaufst dir ein 
 T-Shirt für 1,99 aus Bangladesch und 
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„Die Leute haben doch bewiesen, dass sie bereit 
sind, ihre Klamotten herzugeben“, weist Politik-
wissenschafter Ulrich Brand auf Potenziale einer 
neuen Wirtschaft hin.
        

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