Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

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Im April 1945 wurde die österreichische Ge-
werkschaftsbewegung nach Diktatur, Fa-
schismus und Krieg wieder „aktiviert“. Hier 
sollen nur zwei der Herausforderungen an-
gesprochen werden, denen sie sich von 
 Anfang an zu stellen hatte – vielleicht ein 
Beitrag zu weiterer Diskussion und weiterem 
Nachdenken.
Die eine Herausforderung bestand darin, die 
bestmögliche Organisation zur Vertretung 
der Interessen von ArbeitnehmerInnen zu 
schaffen. Ihr begegneten die Gewerkschaf-
terInnen von 1945 mit einem Konzept, das 
noch immer das Prädikat „weltweit ein-
malig“ verdient. Es mussten Verletzungen 
geschluckt und Traditionen aufgegeben 
 werden, um dieses Konzept eines überpar-
teilichen, einheitlichen Gewerkschaftsbun-
des zu verwirklichen. Immerhin hatten christ-
liche GewerkschafterInnen unter dem aus-
trofaschistischen Regime 1934 bis 1938 
führende Positionen, während sozialistische 
und kommunistische GewerkschafterInnen 
in die Illegalität gedrängt worden waren. 
Ohne die gemeinsame Ablehnung des Nati-
onalsozialismus und die Erfahrungen unter 
dem NS-Regime hätte das „Projekt ÖGB“ 
wohl keine Chance gehabt. ÖGB-General-
sekretär Anton Proksch betonte diesen Um-
stand noch 1951: Die in der österreichi-
schen Gewerkschaftsbewegung von heu-
te führenden Männer waren zum gro-
ßen Teil schon früher hervorragende 
Funktionäre und haben für die Befrei-
ung der Arbeiterschaft auch im illegalen 
Kampf schwere Opfer auf sich genom-
men. Die „führenden Frauen“ aus dem Wi-
derstand vergaß Proksch allerdings zu er-
wähnen.
Die sehr schwierigen Verhandlungen in Wien 
dauerten vom 11. bis zum 30. April, die 
 Chefverhandler waren für die ehemaligen 
Freien Gewerkschaften der Bauarbeiter 
 Johann Böhm, für die Christlichen Gewerk-
schafterInnen Lois Weinberger von den 
 Angestellten und für die kommunistische 
Seite der Lederarbeiter Gottlieb Fiala. Auch 
Vertreter der EisenbahnerInnen, der Chemie-
arbeiterInnen, der Land- und Forstarbeite-
rInnen und der Buchdrucker gehörten dem 
Verhandlungsteam an. Als die Verhandlun-
gen begannen, wurde in manchen Bezirken 
noch gekämpft. Als die Einigung erreicht war, 
hatte die Rote Armee Wien bereits von der 
NS-Herrschaft befreit, die Sozialistische 
 Partei und die Volkspartei hatten sich kon-
stituiert und mit der Kommunistischen Par-
tei am 27. April die Zweite Republik aus-
gerufen. Am 30. April genehmigte die sow-
jetische Kommandantur die provisorischen 
ÖGB-Statuten. Die in ihnen festgeschriebe-
nen, auch nach 70 Jahren noch geltenden 
Grundsätze sind:
 » Überparteilichkeit: statt Richtungsge-
werkschaften eine überparteiliche, aber nicht 
unpolitische Organisation. 
 » Einheitlichkeit: statt vieler nur locker ver-
bundener Vereine ein einheitlicher Gewerk-
schaftsbund, der alle Einzelgewerkschaften 
einschließt.
 » Flexibles Industriegruppenprinzip: Es 
gibt keine Fachgewerkschaften. Das heißt: 
In einem Betrieb sind die ArbeitnehmerInnen 
unabhängig von ihrem Beruf in einer oder, 
soweit es die Angestellten in der Privatwirt-
schaft betrifft, in zwei Gewerkschaften orga-
nisiert. 
Der erste ÖGB-Kongress erhob diese Prin-
zipien 1948 zum gültigen Beschluss und auch 
die Organisation in damals 16 Gewerkschaf-
ten wurde festgelegt. Fraktionen gab es of-
fiziell bis in die 1980er-Jahre keine, aber sie 
bildeten sich in Nachfolge der alten Rich-
tungsgewerkschaften trotzdem heraus. Das 
Prinzip der Überparteilichkeit blieb dabei 
 anerkannt, trotz mancher Verlockungen, es 
aufzugeben – zuletzt unter den rechtskon-
servativen Regierungen nach dem Jahr 2000.
Eine der entscheidenden Leistungen des ÖGB 
war es, die in den Parteien durchaus umstrit-
tene rasche Wiedererrichtung der 1934 
gleichgeschalteten und 1938 abgeschafften 
Arbeiterkammern durchzusetzen. Ihre in den 
1920er-Jahren wichtige Funktion des politi-
schen Interessenausgleichs übernahm zwar 
ab dem April 1945 der ÖGB selbst, aber im 
Rahmen des sich entwickelnden Konfliktre-
gelungsmechanismus der Sozialpartner-
schaft wurden sie neuerlich unverzichtbar. 
Gerade wegen der engen Verbindungen kam 
es öfter zu Spannungen, etwa hinsichtlich 
Immer herausgefordert
Vor 70 Jahren wurde der Österreichische Gewerkschaftsbund gegründet. Das brachte 
den ArbeitnehmerInnen viel, auch wenn nicht alles gelang.
Arbeit&Wirtschaft 3/2015Schwerpunkt
        

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