Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

18 Arbeit&Wirtschaft 3/2015
Stefan Wirlandner (1905–1981) war einer der 
renommiertesten und einflussreichsten Wirt-
schaftsexpertInnen der ArbeiterInnenbewe-
gung in der Zweiten Republik. Ab Juni 1945 
war er maßgeblich am Aufbau der Arbeiter-
kammer Wien beteiligt, wurde schließlich ihr 
stellvertretender Direktor und später Vizedi-
rektor der Österreichischen Nationalbank. 
Wirlandner stammte aus einer Wiener Arbei-
terfamilie, im Jahr 1934 hatte er auf Druck 
der Austrofaschisten seine Stellung in der 
Wiener Arbeiterkammer verloren, im Jahr 
1938 war er einer der führenden illegalen 
Gewerkschafter, die nach England flüchteten. 
Im Exil beschäftigte sich Wirlandner zeitwei-
se intensiv mit Fragen sozialistischer Wirt-
schafts- und Finanzpolitik im Nachkriegs-
europa. Er sog die Lehren von Keynes auf 
und lernte das Wohlfahrtsstaatskonzept der 
Labour Party kennen. Viel davon transferierte 
er nach Österreich. Er wurde hier – wie eini-
ge andere Remigranten, etwa Kurt W. Roth-
schild – zu einem der einflussreichsten Ver-
künder des Keynesianismus. 
Wirlandner war wohl einer der aktivsten Ös-
terreicher im Exil-Widerstand. Ab 1943 leite-
te er eine Gruppe von österreichischen Exil-
Sozialisten innerhalb des britischen Kriegs-
geheimdienstes Special Operations Execu - 
tive (SOE), der u. a. der Sozialwissenschafter 
Theo Neumann, der Journalist Walter Hacker 
und der Gewerkschafter Hans Hladnik ange-
hörten. Diese versuchte von Istanbul, der 
Schweiz und Italien aus Kontakte zu Genos-
sInnen in Österreich herzustellen1.
Anfang Mai 1945 kehrte Wirlandner als erster 
Sozialist und Gewerkschafter aus dem Exil 
nach Österreich zurück. Durch seine frühe 
Rückkehr konnte er bereits an der Gründungs-
phase der AK und des ÖGB mitwirken. Als 
Vermittler zu den westlichen Alliierten machte 
sich Wirlandner in dieser Zeit unverzichtbar, 
in der SPÖ jedoch fand er keinen ausrei-
chenden Rückhalt für die von ihm angestrebte 
politische Karriere. Es blieb ihm die Exper-
tInnenebene: Er verhandelte für die Arbeiter-
kammer zunächst die fünf Lohn- und Preisab-
kommen (1947–1951) und stellte schließlich 
die Weichen für eine koordinierte Lohn- und 
Preispolitik im Rahmen der Paritätischen 
Kommission, des Kernelements der österrei-
chischen Sozialpartnerschaft. 
Stefan Wirlandner hat über sein vielfältiges 
Engagement im Exil und über seine Rückkehr 
zu Lebzeiten kaum erzählt. Um einen authen-
tischen Eindruck zu vermitteln, wird im Fol-
genden erstmals ein Auszug aus seinen un-
veröffentlichten Erinnerungen vorgestellt, die 
in seinem privaten Nachlass enthalten sind. 
Der Textauszug setzt mit der Ankunft in Wien 
Anfang Juni 1945 ein:
(...) In den Jahren der „Emigration“ 
hatte ich oft das Problem gewälzt, wie 
man mich als Emigranten nach der 
Rückkehr aus dem „Westen“ in der Par-
tei wieder aufnehmen würde. Meine 
Befürchtungen, daß es dabei Hem-
mungen geben könnte, erwiesen sich als 
unbegründet; man hatte zu mir Ver-
trauen (...). Nun mußte ich versuchen, 
in sogenannte „geregelte Bahnen“ zu 
kommen. Natürlich bot sich die Idee 
an, dort fortzusetzen, wo ich im März 
1934 aufgehört hatte. (...) Ich begann 
mich also um die Arbeiterkammer zu 
kümmern, und mit (Josef) Staribacher, 
dessen Bekanntschaft ich über Bruno 
Pittermann gemacht hatte, begab ich 
mich in das alte Kammergebäude in 
der Ebendorferstraße 7, um uns einmal 
klar zu werden, wie die Wiederbele-
bung dieser Institution in die Wege zu 
leiten wäre. Pittermann war dabei sehr 
rührig und der zusammengetrommelte 
Restbestand des früheren Kammervor-
standes betraute ihn mit der Funktion 
des Ersten Sekretärs. Arbeitsrechtler 
fanden sich, die sich um den Aufbau 
der sogenannten Rechtsabteilung, der 
sozialrechtlichen Abteilung bemühten, 
während ich mit Staribacher es über-
nahm, die Volkswirtschaftliche und 
Statistische Abteilung wieder auf die 
Beine zu stellen. Die erste Arbeit be-
stand allerdings darin, mit Hilfe ei-
niger anderer williger Genossen, das 
Haus zu säubern, das zuletzt irgend-
einer Kommandoeinheit der deut- 
schen Luftwaffe als Quartier gedient 
hatte. (...) 
Im Juni waren die Voraustruppen der 
britischen, französischen und amerika-
nischen Streitkräfte in Wien eingetrof-
fen. Walter Hacker, Theo Neumann 
und ich gehörten unserem Status nach 
dem britischen Besatzungskorps an, 
und wir nahmen für uns in Anspruch, 
die ersten Angehörigen der westlichen 
Alliierten in Wien gewesen zu sein. (...) 
Für mich blieb bis zum Dezember 1945 
Rückkehr aus dem Exil
Stefan Wirlandner kehrte Anfang Mai 1945 als erster Sozialist und Gewerkschafter 
aus dem Exil zurück. Ein Auszug aus seinen bisher unveröffentlichten Erinnerungen.
Peter Pirker
Historiker und Politikwissenschafter
Schwerpunkt
1  Peter Pirker (2009). „Whirlwind“ in Istanbul. Geheimdienste und 
Exil-Widerstand am Beispiel Stefan Wirlandner. In: DÖW-Jahrbuch 
2009 – tinyurl.com/n9cbsy2
        

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