Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/2015
In den Nachkriegsjahren hie� es, mit dem 
breiten braunen Bodensatz zurechtzukom-
men, allzu viele lieb�ugelten damit, nur we-
nige hingegen schm�hten ihn, so etwa der 
Gr�nder der �sterreichischen B�hnenge - 
werk schaft Aurel Nowotny und der Gewerk-
schafter und Widerstandsk�mpfer Karl 
 R�ssel-Majdan. Doch zu ihnen sp�ter. 
Reintegration 
Im Jahr 1947 gab es in �sterreich 535.662 
registrierte Nazis � damals 15 Prozent der 
Bev�lkerung. Eine riesige Gruppe ohne Wahl-
recht, die � zu Recht � mit S�hnefolgen bis 
hin zu Kriegsverbrecher- und Verbotsprozes-
sen konfrontiert war. Trotz allem kam es zur 
Reintegration �minderbelasteter� und �belas-
teter� NSDAP-Mitglieder und damit zu Karri-
eren in Parteien und Institutionen, die l�ngst 
nicht alle aufgearbeitet sind. Mit dem einset-
zenden Kalten Krieg ging auch im �GB ein 
Orientierungswechsel in Richtung Reintegra-
tion vor sich. �Generell l�sst sich sagen, dass 
die Sozialdemokratie den Kurs, den Adolf 
Sch�rf schon seit 1945 forcierte, n�mlich Op-
portunisten den Wiedereintritt in die Partei zu 
erm�glichen, auf eine Art als Parteilinie �ber-
nahm, die �ber die Sozialdemokratische Frak-
tion zur Gewerkschaftslinie wurde�, erkl�rt 
Historiker und Publizist Fritz Keller. Die Ge-
schichte der �sterreichischen und internati-
onalen Gewerkschaftsbewegung geh�rt zu 
seinen Forschungsschwerpunkten. Keller 
macht deutlich, wer hier �berhaupt wieder 
eingegliedert wurde: �Die NSDAP war keine 
Organisation, wie wir uns heute eine Partei 
vorstellen. Es war eine Kaderorganisation, wo 
eine Aufnahmepr�fung mit einem theore-
tischen und einem praktischen Teil abgelegt 
werden musste. Mit Opportunisten hatte die 
Organisation keine Freude, im M�rz 1938 Bei-
getretene erhielten etwa spezielle Parteimit-
gliedsnummern, an denen man sofort erken-
nen konnte, der ist ein M�rzveigerl.� 
Mit der Eingliederung von Nazis zerbrach der 
�Geist der Lagerstra�e�, der f�r die �berwin-
dung traditioneller Feindschaft zwischen den 
politischen Lagern nach 1945 steht und auch 
die Einheit des Antifaschismus. Fritz Keller: 
�Die Organisation des �GB splittete sich auf 
in eine kommunistische Fraktion der Gewerk-
schaftlichen Einheit, die weiterhin auf diesem 
Antifaschismus beharrte, und eine sozialde-
mokratische Fraktion, die dem internationalen 
Bund der freien Gewerkschaften angeh�rte 
und die verst�rkt auf Elitenkontinuit�t und 
Antikommunismus setzte.� 
Entnazifizierung
Einen deutlichen Gegenpol derartiger Bestre-
bungen bildet allerdings die sp�tere KMSfB 
(Kunst, Medien, Sport, freie Berufe). �Ein sehr 
signifikantes Beispiel der Entnazifizierung im 
�GB ist die Gewerkschaft der Angestellten der 
freien Berufe�, wei� Keller. Aurel Nowotny, 
Schauspieler und Gewerkschafter, baute erst 
die Sektion B�hnenangeh�rige neu auf und 
bereits am 15. Oktober 1945 fand die konsti-
tuierende Sitzung des ersten Vorstandes der 
Gewerkschaft der Angestellten der freien Be-
rufe statt. 1881 als Sohn eines Bauern in 
Sissek (heute Sisak, Kroatien) geboren, spielte 
Nowotny u. a. am Burgtheater und in zahl-
reichen Filmen, f�hrte Regie in Berlin und 
k�mmerte sich ab 1930 als Mitarbeiter der 
Radio Verkehrs AG (RAVAG) um H�rspiele. 
W�hrend des Zweiten Weltkrieges musste er 
� seine Ehefrau entsprach nicht den �Rasse-
Gesetzen� des Nazi-Regimes � als Hilfsar-
beiter in der R�stungsindustrie arbeiten und 
l�ste nach Kriegsende sofort die �sterrei-
chische Zweigstelle der Reichstheaterkam-
mer auf. Die erste Vollversammlung w�hlte 
ihn 1947 zum Pr�sidenten der �sterreichi-
schen B�hnengewerkschaft. 
�R�cksichtsloseste S�uberung�
Eine Resolution am ersten Gewerkschaftstag 
1947 (Zentralorgan der Angestellten der Frei-
en Berufe) erkl�rte: �Die hohe Kulturmission 
von Theater und Musik in einem demokrati-
schen Staat erfordert jedoch kategorisch die 
S�uberung eines Berufsstands
Nationalsozialisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg keine mehr sein d�rfen, 
und  politische Lager, die Zigtausende reintegrieren. Nur wenige wehrten sich. 
Sophia Fielhauer-Resei
Freie Journalistin
Schwerpunkt32
B U C H T I P P
Fritz Keller: 
Die K�che im Krieg  
Lebensmittelstandards  
1933 bis 1945
new academic press,  
135 Seiten, 2015, � 19,90
ISBN: 978-3-7003-1924-5
Bestellung:
www.arbeit-recht-soziales.at
Peter Autengruber: 
Der Widerstandsk�mpfer  
DDDr. Karl R�ssel-Majdan   
In: Jahrbuch des Dokumentationsarchivs 
des �sterreichischen Widerstands 1998, 
S. 58�68
Nachzulesen u. a.:
in der Nationalbibliothek; zu beziehen in 
Antiquariaten (z. B. �ber www.zvab.com).
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.