Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/201534 Schwerpunkt
EGB – quo vadis?
1973 wurde der Europäische Gewerkschaftsbund gegründet, seither hat sich Europa 
massiv verändert. Der EGB muss dringend seine zukünftige politische Rolle finden.
A
ls der Europäische Gewerkschafts-
bund (EGB) im Jahr 1973 aus der 
Taufe gehoben wurde, entspra-
chen die politischen Rahmenbe-
dingungen in Europa nicht ansatzweise 
den heutigen. Das Ziel war damals, die 
(westeuropäischen) Gewerkschaftsbün-
de aus der Europäischen Gemeinschaft 
und der EFTA unter einem Dach zu ver-
einen, um die Interessen der Arbeitneh-
merInnen in beiden Wirtschaftsräumen 
koordinierter zu vertreten. Am Ende wa-
ren es 17 Gewerkschaftsbünde aus 15 
Staaten, die sich am 8. und 9. Februar 
1973 bei der Gründungsversammlung 
in Brüssel zum EGB zusammengeschlos-
sen hatten, darunter von Beginn an der 
ÖGB. Erstmals konnte im EGB auch 
die Spaltung in verschiedene Richtungs-
gewerkschaften überwunden werden – 
eine Errungenschaft, die sich bis heute 
gehalten hat. So ist der EGB die einheit-
liche Dachorganisation, in der sich alle 
demokratischen Gewerkschaftsbünde 
Europas sammeln, von christlich orien-
tierten bis zu linkssozialistischen.
ÖGB stark vertreten
Seit 1984 ist der ÖGB stets mit zwei 
Mitgliedern im Vorstand des EGB ver-
treten, zunächst durch seinen Leitenden 
Sekretär Alfred Ströer und den Interna-
tionalen Sekretär Karl-Heinz Nachtne-
bel. Ab 1987 saßen für den ÖGB der 
damalige Präsident Fritz Verzetnitsch 
und Karl-Heinz Nachtnebel im EGB-
Vorstand, wobei Verzetnitsch zunächst 
Vizepräsident (1988–1993) wurde und 
anschließend von 1993 bis 2003 als Prä-
sident des EGB amtierte. Bis heute spielt 
der ÖGB eine wichtige Rolle im EGB 
und ist seit 2008 durch seinen Präsiden-
ten Erich Foglar ununterbrochen im 
EGB-Präsidium vertreten, dem engsten 
Führungsgremium des EGB. 
Gewerkschaftlichen Einfluss sichern
Heute ist der EGB eine ganz andere Or-
ganisation als 1973 und vertritt weit 
über 50 Millionen ArbeitnehmerInnen 
aus ganz Europa. Ihm gehören inzwi-
schen 90 Mitgliedsbünde aus 39 Län-
dern sowie 10 europäische Branchenge-
werkschaftsbünde an. 
Spätestens mit dem EU-Beitritt hat 
sich auch die Rolle des ÖGB im EGB 
deutlich gewandelt. Weichenstellungen 
für die Wirtschafts- und Sozialpolitik 
erfolgen zunehmend in Brüssel, auch 
der europäische Soziale Dialog gab ei-
nige Jahre wichtige Impulse. Damit 
war aber klar, dass sich die Mitarbeit 
im EGB nicht länger in der Verabschie-
dung von Resolutionen erschöpfen 
kann. Vielmehr müssen Positionen und 
Strategien erarbeitet werden, mit denen 
der EGB sich gegenüber Kommission, 
EU-Parlament und Rat einbringt, da-
mit die Interessen der ArbeitnehmerIn-
nen im Binnenmarkt nicht gänzlich 
untergehen.
Was aber ebenso wichtig ist: Viele 
Gewerkschaftsbünde und auch der 
EGB selbst schauen immer wieder mit 
großem Respekt auf den 70 Jahre alten 
ÖGB. Immerhin ist er bis heute eine 
schlagkräftige und geeinte Gewerk-
schaftsbewegung, die – gemeinsam mit 
der Arbeiterkammer – über einen poli-
tischen Einfluss verfügt wie kaum eine 
Gewerkschaft in einem anderen Land. 
Die erfolgreiche Kampagne für eine 
Steuerreform hat dies wieder einmal 
bewiesen. Von diesem Einfluss können 
die ArbeitnehmerInnen in vielen Län-
dern nur träumen, wo sich die Gewerk-
schaften seit Beginn der Finanz- und 
Wirtschaftskrise häufig gegen zuneh-
mende Angriffe auf die Rechte der Ar-
beitnehmerInnen wehren müssen. Und 
schließlich ist es der EGB selbst, der 
derzeit seine Rolle in einer EU sucht, 
die durch konservativ-liberale Regie-
rungen geprägt ist und in der Entschei-
dungen häufig an den Sozialpartnern 
vorbei getroffen werden.
EGB sucht seine Rolle
Der EGB wird vom 29. September bis 
2. Oktober seinen 13. Kongress in Paris 
abhalten. Neuer Generalsekretär soll der 
Italiener Luca Visentini werden, der seit 
2011 dem EGB-Sekretariat als politi-
scher Sekretär angehört. In einer Team-
lösung soll Visentini den EGB gemein-
sam mit seinen StellvertreterInnen Peter 
Scherrer (Deutschland) und Veronica 
Nilsson (Schweden) führen. Ebenso in-
tensiv wird derzeit über die künftige 
 Rolle des EGB diskutiert. Soll er weiter 
den Anspruch erheben, sich mit mög-
lichst allen Themen zu befassen, die 
für ArbeitnehmerInnen relevant sind? 
Oder soll er sich schwerpunktmäßig 
auf einige Kernthemen konzentrieren, 
die gemeinsam auf europäischer Ebene 
Oliver Röpke
Leiter des ÖGB-Europabüros in Brüssel und 
Mitglied im EGB-Vorstand
        

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