Volltext: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/201538 Schwerpunkt
Spannende Allianzen
Proteste und Gruppen, die sich gegen die etablierte Politik richten, sind für 
Gewerkschaften heute keine Feindbilder. Das war nicht immer so.
V
or 30 Jahren schienen die Gräben 
zwischen „neuen Bewegungen“ 
und dem ÖGB noch unüberwind-
bar: Angeblich kommunistisch 
 infiltrierte „Besetzer“ hätten schließlich 
den Kraftwerksbau in Hainburg, durch 
eine „gegen bestehendes Recht gerich - 
tete Massenbewegung“, verhindert.1 
Heute sind GLOBAL 2000, Greenpeace, 
der Verkehrsclub Österreich oder Attac 
PartnerInnen von ÖGB und Arbeiter-
kammern. Was steckt hinter diesem 
 Wandel?
Kalter Wind
„Hainburg“ fiel in eine Phase, in der ein 
verändertes Umfeld bereits zu einer 
Schwächung der Sozialpartnerschaft als 
institutionelle Machtressource der Ge-
werkschaften geführt hatte.2 Ab Mitte der 
1980er-Jahre begannen nicht nur die 
Mitgliederzahlen langfristig zu sinken. 
Spektakuläre Fälle wie die Auseinander-
setzung rund um das Semperitwerk in 
Traiskirchen zeigten im folgenden Jahr-
zehnt plastisch die Herausforderung 
beim Bestreben, den Erpressungsversu-
chen eines global agierenden Konzerns 
etwas entgegenzusetzen. Neoliberale Dis-
kurse, Budgetsanierung und nicht zuletzt 
das Auftreten der Haider-FPÖ bedeute-
ten, dass den Interessenvertretungen auch 
medial bzw. politisch ein kalter Wind 
entgegenblies. Aber anders als die Ge-
werkschaften griffen neue (Gegen-)Be-
wegungen die entsprechenden Themen 
sehr schnell auf. 
Im Herbst 1987 fand die erste öster-
reichweite Demonstration gegen Sozial-
abbau mit rund 60.000 Teilnehmenden 
statt. Unter den Demonstrierenden be-
fanden sich zwar auch viele Gewerk-
schaftsmitglieder, die ÖGB-Strukturen 
waren damals aber eher bemüht, das De-
monstrationsbündnis zu ignorieren. Ers-
te wirkliche Brückenschläge gelangen 
hingegen bemerkenswerterweise über das 
spannungsgeladene „Migrationsthema“. 
Es war das Lichtermeer gegen das FPÖ-
Volksbegehren „Österreich zuerst“, wel-
ches gerade durch die massive gewerk-
schaftliche Präsenz zur bis dato größten 
Manifestation der österreichischen Nach- 
kriegsgeschichte wurde.3 Eben so began-
nen in der Folge die Gewerkschaften, 
Fragen wie das fehlende passive Betriebs-
ratswahlrecht für Nicht-EU-/EWR- 
BürgerInnen öffentlich zu thematisieren. 
Eher konfliktreich waren demgegenüber 
erste Versuche von Menschen mit Migra-
tionserfahrung, ihre Anliegen autonom 
in der Gewerkschaftsorganisation zu lan-
cieren (siehe auch „(Sprach-)Barrieren 
abbauen“, S. 26–27).4 
Der Antritt der ÖVP-FPÖ-Regie-
rung und ihre offenen Versuche, die ins-
titutionelle Macht des ÖGB dramatisch 
zu beschneiden, befeuerten neue Ansät-
ze der Gewerkschaften nachhaltig. Be-
griffe wie „Organizing“, also (neue) 
Mitglieder über „ihre Themen“ zu ge-
winnen und aktiv in gewerkschaftliches 
Handeln einzubeziehen, wurden zuneh-
mend diskutiert. Die Interessengemein-
schaften (IGs), die explizit „einfache“ 
Mitglieder bzw. sogar Nichtmitglieder 
in schwer organisierbaren Berufsfeldern 
direkt in die Gewerkschaftsarbeit ein-
binden wollen, hatten ebenso bereits 
ihre Arbeit aufgenommen. Auch die ers-
te ÖGB-Urabstimmung signalisierte ein 
neues Denken. Gewerkschaftliche Kräf-
te waren schon bei den breiten Protesten 
gegen die Regierung im Frühjahr 2000 
massiv präsent gewesen. Vor allem im 
Streikjahr 2003 konnte der ÖGB dann 
strukturelle Gegenmacht aufbauen. Die 
öffentliche Wahrnehmung von Gewerk-
schaften wandelte sich dadurch zumin-
dest temporär massiv. Inhaltlich traf 
man sich zudem vor allem in der Globa-
lisierungskritik zunehmend mit NGOs 
wie Attac bzw. internationalen Entwick-
lungen. Kathrin Niedermoser, wissen-
schaftliche Mitarbeiterin beim Projekt 
„Trafo Labour“5, betont die Rolle der 
Sozialforumsbewegung sowie der „Stopp 
GATS“-Kampagne. Gerade als Reakti-
on auf die ÖGB-Krise (2006) sollten 
neue Ansätze und Kooperationen voran-
getrieben werden. Doch wie stellen sich 
heute die Bilanz und der Status quo die-
ser Öffnung dar?
Momentaufnahmen 
Veronika Kronberger (GPA-djp) berich-
tet in diesem Kontext: „Ich bin selbst 
Vorsitzende des Vereins Plattform Gene-
John Evers
Erwachsenenbildner und Historiker
1 Vgl.: Hesoun/Pöttschacher, Schwarz-Weißbuch Hainburg, 1985.
2  Die Analyse folgt dem „Jenaer Machtressourcenansatz“. Vgl. 
dazu: Schmalz, Dörre (Hrsg.): Comeback der Gewerkschaften?: 
Machtressourcen, innovative Praktiken, internationale Perspek-
tiven, 2013.
3  Vgl.: tinyurl.com/qgxymvm 
4  Vgl. z. B. die Bilanz der Initiative „Sesam Öffne Dich!“ auf: 
tinyurl.com/k9yq6ox
5  Vgl.: trafo-labour.univie.ac.at. Bei diesem Projekt arbeiten 
 WissenschafterInnen unter der Leitung von Ulrich Brand u. a. 
gemeinsam mit PRO-GE, GBH, vida und AK an ökologischen 
 Fragestellungen.
        

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