Full text: Steuerreform unter der Lupe (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/201522 Schwerpunkt
F
inanzielle Sorgen kennt Beate nur 
von ihren Bekannten. Da gibt es ei-
nen, der musste sein Konto für den 
gemeinsamen Skiurlaub überzie-
hen, eine andere kann die Ausbildung ih-
rer Tochter nicht allein finanzieren. Im 
Gegensatz zu ihren FreundInnen wird 
Beate nie in finanzielle Bedrängnis gera-
ten, denn ihre Eltern überweisen seit dem 
18. Geburtstag immer wieder beträcht-
liche Geldsummen auf ihr Konto. Beate 
ist eine Ausnahme, nicht nur weil sehr 
wenige Menschen in ihrem Leben große 
Vermögen geschenkt oder vererbt bekom-
men, sondern weil sie offen darüber mit 
der Autorin Julia Friedrichs für ihr neues 
Buch „Wir Erben“ sprach. Bei ihren Re-
cherchen wurde Friedrichs schnell be-
wusst: Über Schenkungen und hohe Erb-
schaften breitet sich der Mantel des 
Schweigens.
Ungehöriges Schweigen
Über Erbschaften redet kaum jemand 
 gerne öffentlich, wohl weil das Erben un-
mittelbar mit dem Sterben zusammen-
hängt und oft mit tiefen persönlichen 
Gefühlen verbunden ist. Der Tod ist meist 
Teil der Privatsphäre von Familien, und 
das Erben wird mit demselben Schleier 
der Intimität bedeckt wie das Ableben. 
„In Wahrheit aber ist das Erben alles 
 andere als privat, und es ist höchst unge-
hörig, darüber zu schweigen“, schreibt 
Friedrichs. Denn die Vererbung großer 
Vermögen wird immer mehr auch zu 
einer Gefahr für den sozialen Zusammen-
halt in unserer Gesellschaft.
Tappen im Dunkeln
Doch um welche Beträge geht es, wenn 
über das Erben in Österreich diskutiert 
wird? Die Suche nach verlässlichen Daten 
wird schnell enttäuscht. Seit dem Auslau-
fen der Erbschafts- und Schenkungssteu-
er im Jahr 2008 werden Erbschaften nicht 
mehr zentral erfasst, das Finanzamt tappt 
seither im Dunkeln. Zumindest für die 
letzten Jahre der Erbschaftssteuer sind Sta-
tistiken verfügbar. Aber auch diese Daten 
wären ohne mehrere parlamentarische An-
fragen und die Antworten des Finanzmi-
nisteriums nicht öffentlich verfügbar. Die 
Datenrecherche ist zäh und mündet in der 
ersten unbefriedigenden Erkenntnis: Über 
Erbschaften wird in Österreich tatsächlich 
nicht viel preisgegeben. 
Einige Anhaltspunkte kann man in 
der Erbschaftssteuerstatistik aus dem 
Jahr 2006 aber doch finden. Die Steuer-
einnahmen lagen damals bei etwa 100 
Millionen Euro, das laut Statistik vererb-
te Vermögen betrug etwa 2,7 Milliarden 
Euro. Aber diese Zahlen sind trügerisch, 
denn für die Berechnung der Steuer-
pflicht werden nicht alle Vermögenswer-
te zu ihrem tatsächlichen Wert veranlagt. 
Beispielsweise gehen Grundstücke nicht 
mit dem Marktwert, sondern mit dem 
veralteten Einheitswert in die Steuerkal-
kulation ein. Die Kluft zwischen den zu-
letzt 1983 erneuerten Einheitswerten 
und den aktuellen Marktwerten kann 
nicht exakt berechnet werden, aber 
Schätzungen zufolge sind die Werte zur 
Steuerberechnung zwischen 10- und 30-
mal niedriger als die tatsächlichen Markt-
werte.
Stefan Humer von der Wirtschafts-
universität Wien forscht ebenfalls zu 
Vermögensübertragungen und verwen-
det eine innovative Methode zur Berech-
nung des jährlichen Erbvolumens. Der 
Ökonom verwendet Daten der Österrei-
chischen Nationalbank, die 2010 eine 
Erhebung zu den Vermögen privater 
Haushalte durchführte, mit dem Vorteil, 
dass Grundstücke zu ihrem tatsäch lichen 
Wert erhoben wurden. Mithilfe dieser 
Vermögensdaten und Sterbetafeln kann 
Humer wissenschaftlich fundierte Schät-
zungen anstellen, wie viel Vermögen 
jährlich an die ErbInnen übertragen 
wird. Aktuell sind es laut seinen Berech-
nungen etwa zehn Milliarden Euro pro 
Jahr, steuerfrei, Tendenz steigend. Im 
Jahr 2040 könnten es schätzungsweise 
schon mehr als 20 Milliarden Euro sein. 
„In den kommenden Jahrzehnten wird 
eine Generation sterben, die zu Leb-
zeiten deutlich mehr Vermögen aufbau-
en konnte als die von Kriegen betroffe-
nen Generationen davor“, erklärt der 
Experte. 
Eine Klasse für sich
Wer sehr viel erbt, redet nicht gerne darüber. Aber wer große Vermögen erbt,  
muss endlich einen Beitrag zur Absicherung des Wohlfahrtsstaates leisten.
Matthias Schnetzer
Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik 
der AK Wien
B U C H T I P P
Julia Friedrichs:
Wir Erben
Was Geld mit Menschen 
macht
Berlin Verlag, 2015, 
320 Seiten, € 19,99
ISBN: 978-3-8270-1209-8
Bestellung:
www.arbeit-recht-soziales.at
        

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