Full text: Nur ned hudeln (8)

Muße für alle!
T
reffen sich zwei Schnecken im Wald. 
Die eine hat ein blaues Auge, worauf 
sie die andere anspricht. Die Ant-
wort: Lief ich neulich durch den 
Wald, schoss auf einmal ein Pilz aus dem 
Boden. Zugegeben, das ist der einzige 
Witz, mit dem ich in Gesellschaft punk-
ten kann, denn er ist der einzige, den ich 
erzählen kann, ohne mich beim Erzählen 
zu verirren. Es ist eine passende Anekdo-
te, wie ich finde: Zeitempfinden ist relativ, 
Muße wiederum ist nichts anderes als sich 
zu verirren und zu verlieren. Allein, allzu 
oft habe ich das Gefühl, als würden dau-
ernd irgendwo Pilze in der von Schnecken 
gefühlten Geschwindigkeit aus dem Bo-
den schießen, ohne selbst im Schnecken-
tempo unterwegs zu sein. 
Unproduktiv?
Ähnlich scheint es vielen anderen zu 
gehen, nicht umsonst schießen wiederum 
Angebote zur Entspannung tatsächlich wie 
Pilze aus dem Boden – von verschiedenen, 
bisweilen sündteuren Wellness-Angeboten 
über Sport in der Natur bis hin zum Asch-
ram in Indien. Zugegeben, nicht immer 
kostet Erholung Unmengen von Geld, ge-
rade in Österreich ist ein erholsamer Aus-
flug in die Natur sogar sehr günstig mög-
lich. Die vielen Medienberichte über Aus-
stiege aus der Beschleunigung täuschen 
aber über etwas sehr Wesentliches hinweg: 
So manche, die ins Kloster gehen, wo sie 
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Standpunkt
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dann wirklich ihr Handy ausschalten müs-
sen, statt es einfach selbst zu tun, werden 
für die hohe Geschwindigkeit ihrer Arbeit 
auch entsprechend finanziell entschädigt. 
Die meisten ArbeitnehmerInnen erleben 
eine Beschleunigung am Arbeitsplatz, oh-
ne dass sich dies in ihren Löhnen oder Ge-
hältern widerspiegelt oder in den Möglich-
keiten zur Entschleunigung. Ganz im Ge-
genteil: Um den Job nicht zu verlieren, 
fühlen sie sich geradezu gezwungen, jegli-
che weitere Beschleunigung zu bewältigen 
– bis es eben gar nicht mehr geht und sie 
im Burnout landen. Sogar die Kur wird 
unter Generalverdacht gestellt, denn dort 
mache man ja nichts Produktives. 
Zurück zur Verteilungsfrage: Damit 
nicht nur Gut- oder BestverdienerInnen 
in den Genuss von Entschleunigung 
kommen, führt kein Weg an einer Ar-
beitszeitverkürzung vorbei. Aufschluss-
reich ist dabei ein Blick ins Ausland: In 
Schweden etwa probieren Unternehmen 
den Sechs-Stunden-Tag aus, und zwar 
bei vollem Lohnausgleich. Seit Februar 
gilt dieser in einem Göteborger Pflege-
heim für eine Gruppe von PflegerInnen 
von SeniorInnen. Die Bilanz ist durch-
wegs positiv: Die Beschäftigten seien ge-
sünder und motivierter, nicht zuletzt sei 
die Qualität der Pflege deutlich besser 
geworden (mehr: tinyurl.com/p2qmbrw) – 
und man hat mehr Personal eingestellt. 
Aber kommt man damit nicht vom Re-
gen in die Traufe? Immerhin ist inzwi-
schen auch die Freizeit beschleunigt. Ma-
chen wir uns nichts vor: so romantisch 
die Vorstellungen rund um Muße auch 
sind, schon früher sollte man etwas Sinn-
volles mit der freien Zeit anfangen. So ist 
es geradezu folgerichtig, dass auch die 
Freizeit von der Beschleunigung erfasst 
und darauf abgeklopft wird, ob sie auch 
wirklich einem Zweck dient. Der von 
Gewerkschaften hart erkämpfte Urlaub 
etwa sollte dazu beitragen, dass sich die 
Menschen regenerieren, um umso kraft-
voller wieder an die Arbeit gehen zu kön-
nen, nicht zu vergessen, dass sie konsu-
mieren sollten, um die Wirtschaft am 
Laufen zu halten. So wahr diese Analyse 
ist, so wenig taugt sie als Gegenargu-
ment. Denn warum sollte man Men-
schen etwas vorenthalten, nur weil es 
auch im Interesse der Unternehmen ist? 
Wozu das alles?
Auf der Wiese liegen und einfach nur die 
Seele baumeln lassen: Das ist einfach wun-
derbar! Es hilft dabei, manches zu relativie-
ren, das im Eifer des Gefechts wie ein un-
überwindbares Problem erscheint – oftmals 
scheinen Lösungen danach geradezu auf der 
Hand zu liegen. Vor allem aber ist es ein-
fach erholsam. Und es drängt sich mir die 
Frage auf: Wozu erwirtschaften wir denn 
eigentlich den ganzen Wohlstand, wenn 
nicht, damit es den Menschen gut geht und 
sie es sich gut gehen lassen können?
        

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