Arbeit&Wirtschaft 9/201510 Interview
schen in die St�dte ziehen und deshalb 
in Wien fast alle Klassen die H�chstzahl 
an Sch�lerinnen und Sch�lern haben 
und gleichzeitig den h�chsten Anteil an 
Migrantinnen und Migranten.
Hat die unterschiedliche Bezahlung von 
M�nnern und Frauen auch etwas mit 
dem Bildungssystem zu tun?
Geschlechtsstereotype, also die Zu-
schreibung von bestimmten Eigen-
schaften und Verhaltensweisen zu Bu-
ben und M�nnern oder M�dchen und 
Frauen und die Erwartung, dass sich 
diese auch so verhalten, sind in unserer 
Gesellschaft stark verankert. Es wird 
zum Beispiel angenommen, dass M�d-
chen eher flei�ig sind, aber f�r gewisse 
F�cher nicht so begabt, w�hrend es 
hei�t, Knaben seien faul, in gewissen 
F�chern aber begabter. Wenn diese Ste-
reotype immer wieder transportiert wer-
den, f�hrt das dazu, dass sie von den 
M�dchen und Buben angenommen 
werden. Das f�hrt dazu, dass die M�d-
chen meistens bessere Noten haben und 
�braver� sind. Auch das geh�rt zum 
weiblichen Stereotyp. Als Konsequenz 
schlie�en die M�dchen h�ufiger die 
Schule positiv ab. 
Es gibt viel mehr Knaben, die die 
Pflichtschule nicht positiv abschlie�en, 
dann keinen Lehrplatz finden und ar-
beitslos sind als junge Frauen. Das hat 
mit dem m�nnlichen Stereotyp zu tun, 
denn ein Streber zu sein ist ein Schimpf-
wort f�r einen Knaben in der Pubert�t. 
Es ist viel cooler zu sagen, die Schule ist 
furchtbar, ich lehne sie ab und lerne 
nichts. Aber dann besteht die Gefahr, 
arbeitslos zu werden.
M�dchen haben wieder den Nach-
teil, dass man sie mit gewissen Berufen 
und F�chern verbindet, die meist weni-
ger anerkannt sind, und das bedeutet 
meist weniger Einkommen. Nach wie 
vor w�hlen M�dchen zu einem hohen 
Prozentsatz als Lehrberuf Friseurin und 
Knaben eine technische Lehre. Eine Fri-
seurin verdient viel weniger als jemand 
in einem technischen Bereich. Eine ak-
tuelle Studie, die wir gemacht haben, 
hat au�erdem gezeigt: Lehrerinnen und 
Lehrer w�rden den begabtesten M�d-
chen empfehlen, Lehrerin zu werden, 
w�hrend sie den begabtesten Knaben 
empfehlen w�rden, Techniker zu wer-
den. Techniker verdienen auch mehr als 
Lehrerinnen.
Machen Lehrerinnen und Lehrer das 
absichtlich, dass sie Buben und M�d-
chen anders behandeln?
Nein, �berhaupt nicht. Ein gro�er Teil 
der Menschen ist sich der Geschlechts-
stereotype �berhaupt nicht bewusst. 
Kindern wird auch nach wie vor h�ufi-
ger ein Spielzeug gekauft, das ge-
schlechtsstereotyp ist: M�dchen bekom-
men Barbiepuppen, die Knaben Autos. 
Die Kinder spielen dann nat�rlich auch 
eher mit den geschlechtsstereotypen 
Spielsachen und Eltern spielen mit ih-
ren Kindern auch h�ufiger mit diesen 
Spielsachen als mit anderen. Die Kinder 
freuen sich, wenn die Eltern mit ihnen 
spielen, daher wird das noch verst�rkt. 
Je �lter die Kinder werden, desto mehr 
verhalten sie sich so, wie die Stereotype 
es vorhersagen. Damit schlie�t sich der 
Kreis.
Was m�sste getan werden, um Chan-
cengleichheit zu schaffen?
Das Wichtigste ist der Elementarbe-
reich, denn je fr�her ich Benachteili-
gungen ausgleiche, desto weniger Prob-
leme gibt es nachher, und desto weniger 
Geld muss ich in Relation in die Hand 
nehmen. Das spart auch Frustrationen, 
denn wenn man �ber eine l�ngere 
Schulkarriere st�ndig Misserfolgserleb-
nisse hat, wird man frustriert. Es gibt 
viele Studien, die klar zeigen, dass der 
Besuch eines Kindergartens mit hoher 
Qualit�t dazu f�hrt, dass die Personen 
sp�ter mehr verdienen, es weniger Delin-
quenz gibt und so weiter. Der zweite 
Schritt ist, dass man die Einrichtungen 
nicht im Gie�kannenprinzip mit Fi-
nanzen versorgt, sondern in Abh�ngig-
keit von der Zusammensetzung ihrer 
Sch�lerschaft. Das gilt f�r alle Bil-
dungsinstitutionen. 
Wichtig ist auch, dass die Autono-
mie der Bildungseinrichtungen erh�ht 
wird, damit man schnell und stand-
ortspezifisch Ma�nahmen setzen kann, 
um die Kinder bestm�glich zu unter-
st�tzen. Man muss auch viel mehr auf 
Vielfalt achten, auf die Vermeidung von 
Stereotypen. Das wird mit der neuen 
Ausbildung f�r P�dagoginnen und P�d-
agogen versucht, die jetzt begonnen hat. 
Aber bis das wirkt, dauert es viele Jahre. 
Deshalb muss man sofort auch andere 
Ma�nahmen setzen.
Ein ganz kritischer Punkt sind die 
fr�hen Schnittstellen im Bildungssys-
tem. �ber die muss man sehr gut nach-
denken. Ich pers�nlich bin f�r die Ge-
samtschule, aber sie muss gut sein, denn 
wenn man nur das Schild austauscht 
und sonst nichts �ndert, bringt es nichts. 
Man muss das sehr gut vorbereiten. Die 
Schule m�sste innen differenziert sein, 
damit man individuell f�rdern kann 
und nat�rlich auch die f�rdern kann, 
die in manchen Bereichen sehr begabt 
sind. Es geht ja nicht nur darum, Be-
nachteiligungen auszugleichen, son-
dern darum, jedes einzelne Kind nach 
seinen M�glichkeiten und Potenzialen 
zu f�rdern. 
Wir sollten au�erdem �ber ein Bil-
dungsminimum nachdenken, damit je-
der B�rger, jede B�rgerin die M�glich-
keit hat, sich selbst wirtschaftlich zu er-
halten und am kulturellen und politi-
schen Leben teilzunehmen. Die Schul- 
bildung sollte nicht enden, wenn je-
mand 15 Jahre alt geworden ist, sondern 
wenn er oder sie das Bildungsminimum 
erreicht hat. Daf�r br�uchte es eine 
grundlegende �nderung.
Wir danken Ihnen f�r das Gespr�ch.
Das Interview f�hrte Sonja Bettel f�r 
Arbeit&Wirtschaft.
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aw@oegb.at
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Christiane Spiel: 
�Schule: Lernen 
f�rs Leben?!� 
Galila Verlag, 2015,  
224 Seiten, � 21,90
ISBN: 978-3-902533-66-1
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

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