Arbeit&Wirtschaft 9/201516 Schwerpunkt
W
ir sind ratlos�, schrieb 2006 die 
Schulleitung der Berliner R�tli-
Hauptschule in einem offenen 
Brief. Die Stimmung in einigen 
Klassen sei gepr�gt von Aggression, Re-
spektlosigkeit und menschenverachten-
dem Auftreten, die Gewaltbereitschaft sei 
gestiegen, die LehrerInnen sprechen nicht 
die Sprache ihrer Sch�lerInnen und w�r-
den sich nur mehr mit Handys in einige 
Klassen trauen, um jederzeit Hilfe rufen 
zu k�nnen. Auf einmal wurde aus der 
R�tli-Schule im Berliner Bezirk Neuk�lln 
die ber�chtigtste Schule Deutschlands. 
Sie verk�rperte das Versagen des Schul-
systems in sozialen Brennpunkten.
Das war vor neun Jahren. Heute ist 
R�tli ein Vorzeigemodell gelungener In-
tegration und das Lieblingskind der deut-
schen Bildungspolitik. Doch was hat 
den Unterschied ausgemacht? Abgese-
hen vom schlechten Ruf lie� der Brief 
der Schule potenzielle Unterst�tzerIn-
nen auf den Plan treten. Vor allem hat die 
�ffentliche Hand Geld in die Hand ge-
nommen, in Zahlen: 32 Millionen Euro.
Was hat R�tli mit �sterreich ge-
meinsam? Die Bildungswissenschafterin 
Gertrud Nagy hat die Entwicklung st�d-
tischer Haupt- und Mittelschulen in 
�sterreich erforscht und festgestellt, 
dass immer mehr Schulen zu sozialen 
Brennpunktschulen wie einst R�tli wer-
den. Ihr Fazit: �Wir m�ssen dringend 
gegensteuern!�
Gertud Nagy sieht einen gemeinsa-
men Nenner zwischen Haupt- und Mit-
telschulen in �sterreichischen Ballungs-
r�umen und der deutschen R�tli-Schu-
le: ein sehr hoher Anteil an Sch�lerIn-
nen mit Migrationshintergrund � und 
vor allem mit Herkunft aus einem sozial 
und �konomisch schwachen Eltern-
haus. Der Knackpunkt, meint Nagy, ist 
die fehlende soziale Durchmischung an 
diesen Schulen. Ahmed und Kevin, wie 
sie �berspitzt Prototypen dieser Sch�le-
rInnen nennt, finden sich in Brenn-
punktschulen geh�uft mit anderen, die 
null Bock auf die Schule und wegen ihrer 
schlechten Leistungen kaum berufliche 
Perspektiven haben. Sie werden zu Ju-
gendlichen, die durch Aggression und 
Machtk�mpfe Anerkennung suchen.
�ngste bildungsnaher Eltern, die 
Gesamtschule k�nnte ein niedrigeres An-
forderungsniveau bedeuten, wenn Lehr-
kr�fte nicht konstruktiv mit einer Viel-
falt von Kindern umgehen k�nnen, 
kann Nagy nachvollziehen. Langfristig 
f�hre an einer besseren sozialen Durch-
mischung mittels Gesamtschule aber 
kein Weg vorbei. �Wenn wir weiterma-
chen wie bisher, dann m�ssen wir alle 
daf�r zahlen. Und ich meine wirklich 
alle!�, warnt Nagy eindringlich. Denn 
wenn Ahmed und Kevin nicht mit Lisa 
und Alexander zusammenkommen, be-
deute das Parallelgesellschaften, leicht 
radikalisierbare Jugendliche, Facharbei-
terInnenmangel und hohe Kosten f�r 
Eingliederungsma�nahmen.
Mehr als eine Schule
Im Jahr 2009 wurde die R�tli-Schule mit 
einer benachbarten Realschule und einer 
Grundschule zu einer Gemeinschafts-
schule, zum �Campus R�tli�, fusioniert. 
Damit wurde die Hauptschule aufgel�st, 
seit dem Schuljahr 2011/12 gibt es zu-
dem eine gymnasiale Oberstufe. Im bes-
ten Fall k�nnen die Sch�lerInnen heute 
13 Jahre lang zusammen lernen. Genial 
daran findet Nagy die Entwicklung der 
Schule hin zu einem lokalen Bildungs-
verband. Auf dem 48.000 Quadratmeter 
gro�en Campus sind zahlreiche Bera-
tungs- und Betreuungsangebote zu fin-
den: Kinderg�rten, eine Sporthalle, eine 
Volkshochschule, ein Gesundheits-
dienst, Jugendklubs, ein Caf� und Be-
rufsberatungsstellen. Dazwischen gibt es 
Gr�n- und Spielfl�chen. Der Stadtteil 
wurde durch den Campus aufgewertet. 
�R�tli ist nicht nur ein Projekt der Schul-
politik, sondern auch der Stadtentwick-
lung�, so Nagy.
Eine gemeinsame Schule nach �hnli-
chem Konzept k�nnte auch in �ster-
reich erfolgreich sein. �Stellungnahmen 
der Sozialpartner wie im Bad Ischler Di-
alog 2013 zeigen Konsens, dass die fr�he 
Trennung mit zehn Jahren abgelehnt 
wird � auch wenn meist der Begriff Ge-
samtschule gemieden wird�, meint Nagy. 
Aber die Angst der Mittelschicht vor die-
Aus R�tli lernen
Wie die R�tli-Schule von der ber�chtigtsten Hauptschule Deutschlands zum Liebling 
der Bildungspolitik wurde. Und was �sterreich daraus lernen kann.
Irene Steindl
Freie Journalistin B U C H T I P P
Gertrud Nagy: 
Die Angst der  
Mittelschicht vor  
der Gesamtschule 
edition innsalz, 191 Seiten,  
broschiert, 2015, � 16,50
ISBN: 978-3-902981-37-0
Bestellung:
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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