Full text: Bis der Kopf raucht (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201518 Schwerpunkt
Eine Frage des Geldes?
Mehr als 100 Millionen Euro geben Österreichs Eltern pro Jahr für Nachhilfe aus. 
Gratisangebote und ganztägige Schulformen können die Eltern entlasten.
I
m Herbst 2014 starteten erstmals an 
allen Wiener Volksschulen kostenlose 
Lernhilfekurse in den Fächern 
Deutsch, Mathematik und Englisch. 
Diese Neuerung hat sich bereits in den 
aktuellen Statistiken niedergeschlagen: 
Während die Ausgaben für Nachhilfeun-
terricht im vergangenen Jahr österreich-
weit leicht gestiegen sind, sind sie in der 
Bundeshauptstadt gesunken. Für die Nach-
hilfebranche sind dies aber noch keine 
schlechten Nachrichten, denn die Ausga-
ben für Nachhilfe sanken nur geringfügig 
von 40 auf 39,5 Millionen Euro. Exper-
tInnen begründen dies damit, dass Nach-
hilfe bei VolksschülerInnen seltener vor-
kommt und das Gratisangebot vielfach 
von jenen genutzt wurde, die ansonsten 
keine externe Nachhilfe engagieren wür-
den bzw. sich diese nicht leisten konnten.
Mehr als 1.200 Kurse
Seit Februar 2015 wird der kostenlose 
Nachhilfeunterricht in diesen Fächern 
auch für die Sekundarstufe 1 (Neue Mit-
telschule und AHS-Unterstufe) angebo-
ten. SchülerInnen bzw. Eltern können 
zwischen zwei Möglichkeiten wählen: 
Direkt in den Schulen gibt es Semester-
Lernhilfekurse mit Anmeldung, in soge-
nannten Lernstationen (meist an VHS-
Standorten) können die SchülerInnen 
unangemeldet vorbeikommen und etwa 
vor einer Schularbeit kurzfristig Hilfe be-
kommen. Wird in der Lernstation der 
Bedarf nach langfristiger Unterstützung 
festgestellt, so ist die Einschreibung in 
einen Lernhilfekurs möglich. Falls nötig, 
werden auch im Semester neue Kurse ein-
gerichtet.
Die im Mai 2015 auf Basis von Tele-
foninterviews mit mehr als 3.300 Eltern 
(mit rund 5.500 Kindern) veröffentlich-
te IFES-Studie im Auftrag der AK Wien 
zum Thema Nachhilfe ergab:
 » 36 Prozent der Haushalte mit Schul-
kindern nehmen externe Nachmittagsbe-
treuung (schulische Betreuung, Hort, 
Ganztagsschule) in Anspruch. Mehr als 
die Hälfte davon hat den Eindruck, dass 
während dieser Betreuung so gut geübt 
wird, dass keine Nachhilfe mehr nötig ist. 
Andererseits sehen 23 Prozent keine nen-
nenswert positiven Effekte der Nachmit-
tagsbetreuung auf den Nachhilfebedarf.
 » 57 Prozent der Eltern lernen täglich 
oder mehrmals pro Woche mit ihren Kin-
dern oder kontrollieren die Aufgaben.
 » 40 Prozent aller befragten Eltern sind 
durch das Helfen und Beaufsichtigen 
beim Lernen und Aufgabenmachen zeit-
lich sehr belastet. Ein weiteres Drittel 
spricht von einer gewissen Belastung. Ei-
ne österreichweite AK-Studie zeigte 2014 
deutlich positive Effekte von Ganztags-
schulen: Dort lernen nur 24 Prozent der 
Eltern täglich mit den Kindern, während 
im Durchschnitt aller Formen der Nach-
mittagsbetreuung 40 Prozent zusätzlich 
selbst mit den Kindern lernen.
 » Nachhilfe wird sowohl regelmäßig 
während des ganzen Jahres als auch vor 
Schularbeiten und Prüfungen bean-
sprucht, am häufigsten in Mathematik 
und Fremdsprachen.
 » Knapp die Hälfte der Eltern, die für 
externe Nachhilfe zahlen mussten, ist da-
durch finanziell sehr stark bzw. spürbar 
belastet. Wobei die Kosten in der AHS-
Oberstufe besonders hoch sind.
 » 42 Prozent der Wiener Eltern haben 
ein Schulkind, in dessen Schule regelmä-
ßig Förderunterricht abgehalten wird, bei 
30 Prozent gibt es diesen nur gelegentlich.
Die Studie bestätigt unter anderem 
zwei langjährige ÖGB-Forderungen: 
Ausbau der schulischen Fördermaßnah-
men sowie mehr verschränkte Ganztags-
schulen mit Unterricht, Üben und Frei-
zeit über den ganzen Tag.
Hilfe im Netz
Digital Natives mit Eigeninitiative und 
Selbstdisziplin, aber ebenso Eltern mit 
Auffrischungs- oder Nachhilfebedarf 
können auch online Unterstützung fin-
den. Auf  YouTube etwa gibt es die Videos 
der amerikanischen Non-Profit-Organi-
sation Khan Academy auch auf Deutsch. 
Der Erziehungswissenschafter Salman 
Kahn nutzte bereits 2006 das Internet, 
um Kindern und Jugendlichen auf der 
ganzen Welt kostenlosen Bildungszugang 
zu ermöglichen. Das Projekt, damals re-
volutionär, hat inzwischen über 2,3 Mil-
Astrid Fadler
Freie Journalistin B U C H T I P P
Jochen Krautz: 
Ware Bildung: 
Schule und Universität  
unter dem Diktat der  
Ökonomie 
256 Seiten, 2007, € 19,95
ISBN: 978-3720530156
Bestellung:
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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