Full text: Bis der Kopf raucht (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201526 Schwerpunkt
E
twa 40 Prozent der Jugendlichen 
zwischen 15 und 19 Jahren absol-
vieren in Österreich eine Lehre und 
tragen damit wesentlich zur De-
ckung des Fachkräftebedarfs bei. Das Aus-
bildungssystem steht jedoch zunehmend 
strukturellen Herausforderungen gegen-
über. Die demografische Entwicklung 
und die massiven Qualitätsunterschiede 
der Lehrlingsausbildung auf Branchen- 
und Betriebsebene machen es immer 
schwerer, die Lehre als attraktive Ausbil-
dungsform zu vermitteln. Angesichts des 
schlechten Images der Lehre und der teils 
mangelhaften Rahmenbedingungen ent-
scheiden sich immer mehr Jugendliche 
lieber für vollschulische Ausbildungswege.
Doch neben dem Image der Lehre 
und der Qualitätsdimension spielt auch 
die quantitative Verfügbarkeit attrakti-
ver Ausbildungsplätze eine wichtige 
Rolle. So hat sich die Ausbildungsbereit-
schaft der Betriebe deutlich verringert. 
Die Zahl der Lehrstellen in den Betrie-
ben geht trotz Förderungen zurück. Wa-
ren es Anfang der 1980er-Jahre noch 
über 190.000 Lehrlinge, die in den Be-
trieben ausgebildet wurden, so sind es 
derzeit nur mehr rund 105.000. 
Sinkende Zahlen
Vor allem seit Einsetzen der Krise im Jahr 
2008 ist die Zahl der betrieblichen Lehr-
stellen rückläufig. Allein zwischen den 
Jahren 2009 und 2014 ging die Anzahl 
der Lehrlinge in den Betrieben um knapp 
20.000 zurück, statt einst 124.256 gab 
es im Vorjahr nur noch 105.861 betrieb-
liche Ausbildungsplätze. Das erschwert 
es Jugendlichen zusätzlich, einen Ausbil-
dungsplatz in ihrem Wunschberuf zu 
finden.
Die duale Ausbildung – im interna-
tionalen Vergleich von der Politik gerne 
als Vorzeigemodell zur Vermeidung der 
Jugendarbeitslosigkeit und zur Siche-
rung des Fachkräftenachwuchses gehan-
delt und als großer gesellschaftlicher 
Beitrag der Wirtschaft gefeiert – gerät 
im eigenen Land zunehmend ins Hin-
tertreffen. Das Qualifikationsniveau zu-
künftiger FacharbeiterInnen wird je-
doch mit darüber entscheiden, wie Ös-
terreich die Herausforderungen des wirt-
schaftlichen Strukturwandels und des 
globalen Wettbewerbs meistern kann. 
Trotzdem gibt es nach wie vor kein Sys-
tem zur Sicherung der Ausbildungsqua-
lität, wie es für andere Lernorte (z. B. 
Schulen) bereits existiert.
Hohe Anerkennung
Die duale Ausbildung genießt in Öster-
reich eine hohe gesellschaftliche Aner-
kennung. Es herrscht ein breiter politi-
scher Konsens darüber, dass das heimi-
sche Ausbildungsmodell mit seinem 
starken Fokus auf die betriebliche Praxis 
eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt.
Zu den häufigsten Argumenten zäh-
len die Integration in die Arbeitswelt, 
das praktische Lernen am Arbeitsplatz, 
der finanzielle Vorteil durch die Lehr-
lingsentschädigung oder der Erwerb von 
Beitragszeiten zur Pensionsversicherung. 
Vor allem von Wirtschaftsseite werden 
auch gerne die Verdienste der heimi-
schen Betriebe um die FacharbeiterIn-
nen-Ausbildung hervorgehoben. Ein 
wichtiges Prestigeprojekt bilden dabei 
etwa die internationalen Berufswelt-
meisterschaften für Lehrlinge (World- 
Skills), die alle zwei Jahre stattfinden. Im 
Rahmen dieser Wettbewerbe können 
junge FacharbeiterInnen ihre Fähigkei-
ten und Talente unter Beweis stellen 
und sich mit BerufskollegInnen aus aller 
Welt messen. Auch bei den heurigen 
WorldSkills erzielte Österreichs Team 
wieder tolle Ergebnisse.
Internationale Erfolge
Diese internationalen Erfolge sind zwei-
felsohne bemerkenswert und eine Aus-
zeichnung für die teilnehmenden Lehr-
betriebe und FacharbeiterInnen. Sie zei-
gen, dass engagierte Lehrbetriebe ihre 
Lehrlinge dank hoher Ausbildungsquali-
tät zu großen Leistungen führen können 
und wie sehr die Facharbeit von aufge-
schlossenen jungen Menschen mit Ein-
satzfreude und Talenten profitiert.
Dennoch bleibt ein Wermutstrop-
fen: Die WorldSkills geben Auskunft 
darüber, wie gut einzelne „gute Lehrbe-
triebe“ sind. Sie können jedoch kein flä-
chendeckendes breites Bild vermitteln, 
wie es um die österreichische Ausbil-
dungslandschaft insgesamt bestellt ist. 
Denn auch die Erfolge können nicht 
darüber hinwegtäuschen, dass rund ein 
Viertel aller österreichischen Lehrlinge 
die Lehrausbildung nicht erfolgreich ab-
schließt, sei es, weil sie die Lehrabschluss-
prüfung nicht erfolgreich absolvieren, 
sei es, dass sie gar nicht erst antreten. 
Liebling zwischen Schein und Sein
International avanciert das heimische Ausbildungsmodell zum Exportschlager, 
während hierzulande immer weniger Junge eine Lehre anstreben. Was ist da los?
Lisa Sinowatz
Abteilung Lehrlings- und Jugendschutz der  
AK Wien
        

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