Full text: Bis der Kopf raucht (9)

Zum Haareraufen!
E
s war im Sommer vor ein paar Jah-
ren, als ich bei einer Feier einer 
Flüchtlingsberatung einem afrika-
nischen 13-Jährigen mit den Wor-
ten vorgestellt wurde: „Der geht’s gut, die 
war grad an einem See in Kärnten auf 
Urlaub.“ Ohne zu zögern fragte er: „Dem 
mit der Insel?“ Lachend antwortete ich: 
„Nein, nicht am Wörthersee“, bass er-
staunt über die geografischen Kenntnisse 
des jungen Mannes. Es sollte nicht die 
einzige Überraschung bleiben, denn als 
Nächstes stellte er mir die eher rhetorische 
Frage, ob ich eigentlich wisse, wie Inseln 
entstehen, um es mir stolz zu erklären. 
Gut, dass die Insel im Wörthersee wohl 
anders entstanden ist als jene im Meer, 
von denen er sprach, darüber sollte man 
wohlwollend hinwegsehen. Die eigent-
liche Überraschung nämlich kommt erst: 
Der aufgeweckte junge Mann war Son-
derschüler. Eine Betreuerin erzählte mir 
später von Lausbubenstreichen, die er sich 
immer wieder erlaubte. Eines Tages wur-
de es zu bunt, weshalb sie ein ernstes Ge-
spräch mit ihm führen musste. 
Zu viele in falschen Schulen
Auf ihre Frage, warum er das denn tue, 
antwortete er keck: Weil er in einem an-
derem Raum an einen Computer gesetzt 
wird, wo er dann in Ruhe im Internet 
surfen kann. Es ist vielleicht unnötig, sei 
aber dennoch angemerkt: Er spricht fast 
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Standpunkt
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perfekt Deutsch. Diese Begegnung geht 
mir seit damals nicht mehr aus dem Kopf. 
Denn im Grunde ist sein Bildungsweg 
fast schon symbolisch für das, was im ös-
terreichischen Bildungssystem falsch 
läuft: Nicht nur zu viele MigrantInnen 
landen in Schulen, in denen sie eigentlich 
nichts verloren haben, vielmehr landen 
insgesamt zu viele Kinder in falschen 
Schulen.
Seit einer gefühlten Ewigkeit ist be-
kannt, was der größte Missstand im ös-
terreichischen Bildungssystem ist: die 
soziale Selektion. Ja, es ist ein Missstand, 
denn wie anders sollte man es nennen, 
wenn die Fähigkeiten einer sehr großen 
Zahl an Kindern und jungen Menschen 
schlichtweg ignoriert werden? Dass ih-
nen allein aufgrund des Bildungsstands 
und des Verdiensts ihrer Eltern nicht die 
ganze Bandbreite an Bildungswegen of-
fensteht? Ebenfalls seit einer ebenso ge-
fühlten Ewigkeit ist bekannt, was die 
wichtigsten Maßnahmen sind, um die-
sem Missstand zu begegnen: die gemein-
same Schule zumindest bis 14 Jahre und 
Ganztagsschulen. 
Ich finde es zum Haareraufen, dass 
nicht die Fähigkeiten, Begabungen und 
Interessen der Kinder darüber entschei-
den, welchen Bildungsweg sie gehen. Es 
ist zum Haareraufen, dass die Auswahl 
der Schule im zarten Alter von zehn Jah-
ren stark vorherbestimmt, welchen wei-
teren Bildungsweg die Kinder gehen. Ich 
finde es zum Haareraufen, dass die Neue 
Mittelschule nicht so umgesetzt wird, 
wie sie sinnvoll wäre: Als gemeinsame 
Schule der Zehn- bis Zwölfjährigen, die 
endlich mit der unsinnigen sozialen Se-
lektion Schluss macht. Ich finde es zum 
Haareraufen, dass man ausgerechnet in 
der Bildung mit Labels hantiert: Da wird 
einer Hauptschule das Label Neue Mit-
telschule verpasst, um der Form zu ent-
sprechen, dort wird das Label Gymnasi-
um zum Erhalt eines Statussymbols miss-
braucht, obwohl man damit die Selekti-
vität des österreichischen Bildungssystems 
manifestiert.
Auf dem Rücken junger Menschen
„Aber es geht doch was weiter“, war in 
letzter Zeit öfters zu lesen. Vieles davon 
geht auch durchaus in die richtige Rich-
tung. Allerdings ist es mir absolut unver-
ständlich, weshalb die gemeinsame Schu-
le der 10- bis 14-Jährigen nicht schon 
längst Standard ist. Auch das kann man 
nur als Missstand bezeichnen, denn da-
mit werden die eindeutigen wissenschaft-
lichen Ergebnisse zahlreicher Studien seit 
Jahren schlichtweg ignoriert – und das 
auf dem Rücken von jungen Menschen, 
die dadurch um ihre Chancen gebracht 
werden und im schlimmsten Fall, wie je-
nem des junge Afrikaners, versumpern, 
statt gefördert zu werden. Und das ist und 
bleibt zum Haareraufen!
        

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