Full text: Bis der Kopf raucht (9)

S
tellen wir uns der Einfachheit hal-
ber vor, die österreichische Schule 
sei eine Patientin und liege im Spi-
tal. Der Befund ist eindeutig, das 
österreichische Bildungswesen leidet 
hochgradig an zwei Krankheiten: Chan-
cenungerechtigkeit und Bildungsarmut: 
Ein erklecklicher Teil der Jugendlichen 
hat mit Ende der Pflichtschule nicht ein-
mal die grundlegenden Grundkompe-
tenzen in Lesen und Rechnen erlangt.
Niemand so richtig zuständig
Schon bevor die Patientin Schule ins 
Krankenhaus kam, waren etliche Anzei-
chen der Erkrankungen sichtbar. Diese 
Symptome wurden dem Krankenhaus 
aber nicht mitgeteilt und mehrere behan-
delnde praktische ÄrztInnen haben auf 
den teilweise bereits bedenklichen Zu-
stand ungeordnet – nach Bundesländer-
laune – reagiert. Im Krankenhaus sind 
irgendwie alle und niemand so richtig für 
die Patientin zuständig. 
Der Primararzt – namens Bundes-
ministerium – weiß wenig darüber, was 
im Krankenzimmer wirklich los ist. 
Welche Behandlungen und Medika-
mente die Patientin bekommt, weiß er 
nur oberflächlich. Somit meint er zwar 
festzulegen, welche Behandlungsschritte 
zu tun sind, kann sich aber nie sicher 
sein, ob sein Einsatz – vor allem der fi-
nanzielle – überhaupt in die gewünschte 
Richtung geht.
Die ÄrztInnen – die Bundesländer – tra-
gen unter sich einen großen Machtkampf 
aus. Die meisten sind vor allem am eige-
nen Image orientiert und weniger am 
Wohlergehen der Patientin. Wer von ih-
nen welche Heilmethode anwendet, soll 
möglichst geheim bleiben. Sie treffen im-
mer wieder auf eine Patientin in höchst 
unterschiedlichen Zuständen, was mehr 
Behandlung und mehr Medikamente in 
manchen Situationen erfordern würde. 
Gibt’s nicht, weil weder Solidarität noch 
die Heilung der Patientin gemeinsames 
Anliegen ist.
Kampf gegen das System 
Zwei Krankenschwestern – im anderen 
System nennen sie sich LehrerInnen –, 
die sich abwechseln, wissen um den tag-
täglichen Zustand der Patientin bestens 
Bescheid. Die eine ist älter und wird we-
der ermuntert noch angehalten, sich um 
bessere und neuere Pflege zu kümmern. 
Sie macht alles so, wie es immer war, und 
erwartet sich keine Besserung des Zu-
stands mehr. Die zweite, jüngere, ist sehr 
bemüht, aber sie kämpft sich allein 
durchs System – für jedes neue Hilfsmit-
tel muss sie harte bürokratische Hürden 
überwinden.
Zusätzlich wird die Patientin täglich 
mittags nach Hause entlassen. Meist ist 
leider gerade dann, wenn der Zustand 
der Patientin schlecht ist, niemand Un-
terstützender da. Dies verschlimmert 
die Hauptkrankheit – Chancenunge-
rechtigkeit – naturgemäß regelmäßig.
Behandlungsplan
Wie kann die Patientin denn nun geheilt 
werden? Der Primararzt muss endlich die 
Oberhoheit über das Geschehen erlan-
gen. Die behandelnden ÄrztInnen müs-
sen sich am Zustand der Patientin orien-
tieren. Ihre eigentümliche Eigenbrötlerei 
ist scharf zu beschneiden. Ganz wichtig 
ist die Stärkung der Krankenschwestern.
Übersetzt bedeutet das: Die Frühför-
derung im Kindergarten muss einen 
qualitativen Sprung machen – über ein 
zweites verpflichtendes Kindergarten-
jahr und Standards bei der Frühförde-
rung. Auf die Transparenz der Verwen-
dung der Mittel muss ein deutlich ge-
zielterer Einsatz folgen. Die Gelder und 
LehrerInnen müssen dorthin, wo die 
größten Probleme sind. Jene Schulen, 
die viele sozial benachteiligte SchülerIn-
nen betreuen, brauchen sozial ausglei-
chende Unterstützung. Der Ausbau von 
Ganztagesbetreuung in der Schule muss 
in höchster Qualität erfolgen. Und: 
Kein Schulabschluss mehr ohne Errei-
chung der Grundkompetenzen.
Denn bei den Diskussionen um Bil-
dungsreform bleibt allzu oft auf der 
Strecke, worum es hier eigentlich geht: 
um die Kinder und Jugendlichen! Um 
ihre Bedürfnisse, ihre Fähigkeiten und 
ihre Freude am Lernen.
Die Patientin Schule heilen!
Nicht zuletzt
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rm Gabriele Schmid
Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien
        

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