Full text: Weitsicht gefragt (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/201628 Schwerpunkt
I
ch war acht Jahre alt, als der Krieg in 
Bosnien ausbrach, und ich bin einer 
dieser Flüchtlinge, die bis heute in 
 Österreich leben. Wenn ich die aktu-
ellen Bilder sehe, erwische ich mich 
immer wieder dabei, wie ich an meine 
 eigene Flucht denke. 
Obwohl viele Jahre vergangen sind, ist 
es unmöglich, Bilder und Erlebnisse vor, 
während und nach der Flucht aus dem 
Gedächtnis zu verdrängen. Es sind Bilder 
weinender Mütter, die keine Medikamen-
te für kranke und kein Essen für hungrige 
Kinder haben, emotionale Worte wie 
„Geht, überall ist es sicherer als hier“. Es 
sind auch Bilder von hilfsbereiten Men-
schen, die mit Händen und Füßen versu-
chen, zu erklären, man brauche keine 
Angst mehr zu haben. Sie alle haben sich 
ins Gedächtnis eingebrannt.
Tausende Menschen fliehen vor 
Krieg, Zerstörung, Verfolgung und Ge-
walt nach Europa. Sie kommen aus Syri-
en, Afghanistan, Somalia oder dem Irak. 
Es sind junge Frauen und Männer, Kin-
der, ältere Personen und Verletzte, die 
sich mit dem nötigsten Hab und Gut auf 
den Weg nach Europa gemacht haben – 
in der Hoffnung auf ein sorgenfreies, vor 
allem aber gewaltfreies Leben. 
Realität für wenige
Dass diese Hoffnung nur für wenige 
 Realität wird, zeigen all jene Maßnahmen 
der Flüchtlingspolitik, die seit den letzten 
Wochen beschlossen und umgesetzt wer-
den. Den Anfang machten in Österreich 
Obergrenzen, gefolgt von verschärften 
Grenzkontrollen und Tageskontingen-
ten. Mittlerweile sind die Grenzen dicht, 
und wegen dieser europäischen Ab-
schottungspolitik riskieren viele Men-
schen ihr Leben. 
Die dramatischen Bilder der Flücht-
linge an der griechisch-mazedonischen 
Grenze, die eiskalte Flüsse überqueren 
oder in provisorischen Zelten mitten 
im Winter auf die Weiterreise hoffen, 
wecken bei vielen Erinnerungen: Im 
Jahr 1992 flohen rund 90.000 Menschen 
vor dem Krieg in Bosnien und Herze-
gowina nach Österreich, mehr als 60.000 
blieben hier und fanden ein neues Zu-
hause. 
Unsere Flucht hat rund zwei Wochen 
gedauert, die Reise heutiger Flüchtlinge ist 
viel anstrengender und länger. Daher stellt 
sich für mich die Frage: Hatte ich einfach 
nur das Glück, auf dem „richtigen“ Konti-
nent auf die Welt gekommen zu sein, da-
mit mir geholfen wird? 
Erfolgsbeispiel
Der Tonfall gegenüber Flüchtlingen hat 
sich geändert. „Die Balkanroute bleibt ge-
schlossen, und das dauerhaft.“ Mit diesem 
Satz bestätigt Innenministerin Johanna 
Mikl-Leitner die neue, raue Abschot-
tungskultur. Zu glauben, dass Menschen 
in ein Kriegsgebiet zurückkehren werden, 
wo sie so viel Leid, Elend und Tod gese-
hen und am eigenen Leib erfahren haben, 
ist naiv und enorm gefühllos. Für viele 
ehemalige Flüchtlinge, aber auch für Ös-
terreicherInnen ist die aktuelle Flücht-
lingspolitik absolut unverständlich, zeigt 
doch die Erfahrung aus Zeiten des Bal-
kankriegs, dass auch menschenwürdige 
Lösungen zum Ziel führen.
Bosnische Flüchtlinge wurden groß-
teils als „De-facto-Flüchtlinge“ betreut, 
sie galten nicht als Flüchtlinge im Sinne 
der Genfer Flüchtlingskonvention. Ih-
nen wurde ein vorübergehendes Aufent-
haltsrecht gewährt, durch den „Bosnien-
Erlass“ erhielten sie leichter Beschäfti-
gungsbewilligungen. 
Vorteile für beide Seiten
Die 60.000 BosnierInnen, die hier eine 
neue Heimat gefunden haben, sind ein 
Beispiel dafür, dass es für beide Seiten 
Vorteile hat, flüchtenden Menschen offe-
ner gegenüberzustehen. Im Vergleich zu 
anderen MigrantInnengruppen haben 
sie sich viel besser in den Arbeitsmarkt 
integriert. Das bestätigte eine Statistik-
Austria-Studie über die Arbeitsmarktsitu-
ation von MigrantInnen. Demnach liegt 
die Arbeitslosigkeit unter BosnierInnen 
bei 6,7 Prozent, bei TürkInnen sind es 
mehr als 15 Prozent. Rund 65 Prozent 
der TürkInnen und 55 Prozent der Ser-
bInnen im arbeitsfähigen Alter haben 
 einen Job – bei BosnierInnen sind es über 
70 Prozent. 
Ein Grund für die gelungene Arbeits-
marktintegration liegt im positiven Um-
gang mit den Flüchtlingen, aber auch in 
der Arbeitsmarktöffnung, die relativ 
rasch beschlossen wurde. Damit wurde es 
Frauen und Männern aus Bosnien er-
möglicht, ihr eigenes Geld zu verdienen 
und sich ein neues Leben aufzubauen. 
Besonders die jüngere Generation profi-
tierte, denn die gute Ausbildung, die sie 
in Bosnien genossen hatte, half bei der 
Als die BosnierInnen kamen
Die Erfahrung aus den 1990er-Jahren zeigt: Es kann auch ohne Grenzzäune und 
Obergrenzen funktionieren. Eine ehemalige Flüchtende blickt zurück.
Amela Muratovic
ÖGB Kommunikation
        

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