Full text: Weitsicht gefragt (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/201630 Schwerpunkt
S
elbst wer wild entschlossen ist, sich 
möglichst rasch in Österreich zu 
integrieren, also Deutsch zu ler-
nen, Werte, Sitten und Gebräuche 
wie Händeschütteln oder Pünktlichkeit 
anzunehmen: Er oder sie wird am Integ-
rationskriterium „Arbeitsplatz“ erst ein-
mal scheitern. Denn nicht nur die Asyl-
verfahren dauern zum Teil viele Monate, 
sondern meist auch die Berufsanerken-
nungen. Die Probleme sind allen Betei-
ligten bekannt: Bis heute vergeht zu viel 
Zeit, bis (anerkannte) Flüchtlinge 
Deutsch lernen können, bis man ihre Fä-
higkeiten und den Bildungsstatus kennt 
und bis sie in ihren Berufen arbeiten oder 
eine Ausbildung beginnen können.
Eingeschränkter Zugang
An sich sind AsylwerberInnen nicht gänz-
lich zur Untätigkeit verurteilt. Sie dürfen 
Arbeiten in Zusammenhang mit der Un-
terbringung sowie Hilfstätigkeiten für 
Bund, Land oder Gemeinde (jeweils ge-
gen Anerkennungsbeiträge) durchfüh-
ren. Ebenso möglich sind kurzfristige 
Beschäftigungsbewilligungen für Saison- 
oder Erntearbeiten. Drei Monate nach 
Zulassung zum Asylverfahren dürfen 
AsylwerberInnen in einem freien Beruf 
selbstständig tätig werden. Jugendliche 
unter 25 können in Bereichen mit Lehr-
lingsmangel mit Bewilligung des AMS 
eine Lehre beginnen.
Für das Gros der Flüchtlinge heißt es 
allerdings warten. Derzeit setzen die 
meisten Maßnahmen zur Integration 
nämlich erst mit dem offiziellen Status 
als anerkannter Flüchtling ein. Deutsch-
kurse für AsylwerberInnen gibt es zwar, 
doch zu wenige. Und tatsächlich kommt 
es nicht selten vor, dass auch Asylberech-
tigte lange Zeit auf Kurse warten müssen. 
Fehlende Papiere
Prinzipiell gibt es für Angehörige von 
Nicht-EU-Ländern drei Möglichkeiten 
der Berufsanerkennung:
 » Anerkennung von Lehrabschlüssen: In 
den meisten Ländern gibt es für Hand-
werkerInnen keine formalisierten Ausbil-
dungen. Daher werden Kenntnisse und 
Fertigkeiten unter anderem durch Pra-
xistests festgestellt. Diese Tests finden vor-
wiegend in Betrieben statt, seit Kurzem 
auch im Rahmen der Kompetenzchecks. 
Sebastian Paulick, Sprecher des AMS 
Wien: „Für Menschen mit Berufsausbil-
dung bemühen wir uns sehr stark um ei-
nen österreichischen Bildungsabschluss, 
das wird wohl vor allem ein Lehrabschluss 
sein. Dafür müssen in der Regel noch Prü-
fungen abgelegt werden, das kann Monate 
bis wenige Jahre dauern. Aber die Job-
chancen sind dann natürlich wesentlich 
größer als nur mit Pflichtschule.“
 » Nostrifikation von Schul- und Reife-
zeugnissen: Falls einzelne Gegenstände 
oder Inhalte nicht ausreichend nachgewie-
sen werden können, sind entsprechende 
Zusatzprüfungen erforderlich.
 » Nostrifizierung akademischer Ab-
schlüsse: Für die Anerkennung eines aus-
ländischen Studienabschlusses wird zuerst 
geprüft, ob dieser der österreichischen 
Ausbildung gleichzusetzen ist. Das größte 
Problem ist, dass Flüchtlinge die erforder-
lichen Papiere nur selten mit sich führen. 
Es ist eher die Ausnahme, wenn Unterla-
gen in Folie geschweißt heil bis hierher 
gebracht werden. Wann immer möglich, 
werden Dokumente von FreundInnen 
und Verwandten aus der Heimat nachge-
schickt. In jedem Fall wird dann gemein-
sam mit der Universität und der Anerken-
nungsstelle (AST) geklärt, ob die Nostri-
fizierung sinnvoll und möglich ist oder ob 
die Ausbildung eher einem österreichi-
schen Lehrabschluss etwa im technischen 
Bereich entspricht. Danach erfolgt die 
entsprechende Weichenstellung. Zu er-
gänzende Ausbildungsteile können Be-
troffene als außerordentliche Studen-
tInnen nachholen. Während des Nostrifi-
zierungsverfahrens dürfen beispielsweise 
MedizinerInnen ihren Beruf nicht aus-
üben. Dabei wären diese ÄrztInnen zur 
Unterstützung bei der Versorgung von 
Flüchtlingen optimal geeignet.
Zu wenig Brückenangebote
Es gibt auch zahlreiche nicht geregelte Be-
rufe, für die keine bestimmte Ausbildung 
vorgeschrieben ist wie etwa Büroassistenz, 
VerkäuferIn oder JournalistIn. Hier sind 
meist mangelnde Sprachkenntnisse das 
Problem. „Allgemein gibt es zu wenig 
Fach-Deutschkurse“, weiß Milica Tomic 
vom Beratungszentrum für Migranten 
und Migrantinnen. „Die meisten werden 
in Wien und hauptsächlich für den Pfle-
ge- und Medizinbereich angeboten.“
Auch „Brückenangebote“, also fach-
spezifische Weiterbildungen, die den 
Hürdenlauf zum Arbeitsmarkt
Kompetenzchecks, mehr Deutschkurse und raschere Anerkennungsverfahren sollen 
Flüchtlingen den Zugang zur heimischen Berufswelt erleichtern. 
Astrid Fadler
Freie Journalistin
        

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