10 Arbeit&Wirtschaft 8/2016
Wenn sie es sich aussuchen hätte können, hätte Ofelia K.* einen anderen Beruf ergriffen. Am lieb-
sten hätte sie studiert, bloß ihr Vater sah 
nicht ein, wozu eine Frau studieren 
sollte. Hochzeit und Kind folgten auf 
die Volljährigkeit. Heute ist sie Allein-
erzieherin und tut alles, um wenigstens 
ihrem Sohn ein besseres Leben zu er-
möglichen. Ihre fröhliche Art hilft ihr 
dabei, die oft schwierigen Situationen 
in der Arbeit zu meistern. 
Ofelia K. weiß viel von ihren Kolle-
ginnen zu erzählen, denn sie ist gut mit 
anderen Pflegerinnen vernetzt. Eine 
Kollegin etwa betreut einen Mann, der 
in einem abgelegenen Ort in einem 
noch abgelegeneren Haus lebt. Zur 
Isolation kommen immer wieder 
schwierige Situationen mit der Fami-
lie. Was Ofelia K. von ihren eigenen 
Berufserfahrungen sowie aus den Er-
zählungen ihrer Kolleginnen zu be-
richten weiß, ähnelt dem, was auch in 
der Studie „Gute Pflege aus Sicht der 
Beschäftigten“ nachzulesen ist. Darin 
wird die „24-Stunden-Pflege“ als 
„grauer Bereich“ bezeichnet – und ein 
solcher ist sie in der Tat. 
Das vielzitierte Mädchen für alles: 
Als solches erleben sich die Pflege-
rinnen, die für die Studie befragt wur-
den. Damit einher geht oftmals ein 
Mangel an Respekt von Seiten der An-
gehörigen, die „sie in erster Linie als 
Reinigungskräfte und Hausbetreuer“ 
ansehen. Dabei umfasst ihre Tätigkeit 
so viel mehr: Sie sind oftmals die ein-
zigen Ansprechpartnerinnen der zu 
Pflegenden, Animateurinnen, Gesund-
heitsberaterinnen, und sie erfüllen bis-
weilen auch psychotherapeutische 
Funktionen für die zu Pflegenden oder 
die Angehörigen. Die Freizeit kommt 
oftmals zu kurz, Pausen können viele 
nicht nehmen. „Vor allem bei Klien-
tinnen mit nächtlichem Betreuungsbe-
darf erfüllt der Begriff 24-Stunden-
Pflege seine Bedeutung im wahrsten 
Sinne des Wortes“, heißt es in der Stu-
die. Meist haben sie noch dazu eine 
weite Anfahrt – und auch diese geht 
oft auf Kosten der Freizeit. 
Besonders problematisch erscheint, 
dass sich ausgerechnet Menschen, die 
einer so herausfordernden Tätigkeit 
wie der Betreuung von Pflegebedürf-
tigen nachgehen, kaum formal weiter-
bilden. Ein Hintergrund dafür dürften 
die engen Zeit- und Geldressourcen 
sein. „Alle interviewten Personenbe-
treuerinnen gaben an, dass sie ihre 
Kenntnisse und Fähigkeiten haupt-
sächlich durch Erfahrung in der täg-
lichen Praxis weiterentwickeln“, halten 
die StudienautorInnen fest. Es liege in 
der Natur der 24-Stunden-Betreuung, 
dass man „ins kalte Wasser“ geworfen 
werde, so die Pflegerinnen. Das bedeu-
tet allerdings nicht, dass sie sich gar 
nicht weiterbilden. Vielmehr hängt es 
von der Eigeninitiative der Person 
selbst ab.
Das Fazit der Studie: Die 24-Stun-
den-Pflege bleibt „in ihrer jetzigen und 
trotz der bestehenden rechtlichen Re-
gelungen in Österreich ein prekäres 
Konstrukt in Bezug auf Arbeitsbedin-
gungen und die Qualität der Pflege“. 
Gerade in der Pflege, könnte man an-
nehmen, sollte all dies eine wichtige 
Rolle spielen, schließlich geht es um 
nicht mehr und nicht weniger als das 
Wohlbefinden unserer betagten Fami-
lienangehörigen. Doch genau hier liegt 
wohl die zentrale offene Frage: Wie 
sollen sich die Betroffenen die Pflege 
zu Hause denn noch leisten können, 
wenn man am bestehenden System et-
was verändert? 
Die Studie hält fest: „Hinzu 
kommt, dass der ‚glückliche Fund‘ der 
24-Stunden-Betreuung auf der Voraus-
setzung beruht, dass Arbeitslosigkeit 
und die Differenz zu in relativ nahe 
gelegenen Ländern Zentral- und Ost-
europas erzielbaren Löhnen und Ge-
hältern ein großes Reservoir an poten-
tiellen Personenbetreuerinnen mit der 
Bereitschaft zur Migration geschaffen 
haben.“ Dass eben diese Lage ausge-
nutzt wird, stößt den Pflegerinnen sau-
er auf.
Für Pflegerin Ofelia K. beginnt 
demnächst der langersehnte Urlaub. 
Sie freut sich schon darauf, ihren Sohn 
wieder zu sehen. Man könnte nun 
nicht sagen, dass sie ihren Beruf nicht 
mag, ganz im Gegenteil. Sie hat ein 
Händchen für den Umgang mit äl-
teren Menschen. Dennoch hätte sie 
gerne einen anderen Job, der weniger 
belastend ist und ihr mehr Geld ein-
bringt.
Das Prekariat zu Hause
Die 24-Stunden-Pflege wird in Zukunft  
wohl an Bedeutung gewinnen. Derzeit ist sie  
ein problematisches Berufsbild. 
* Name von der Redaktion geändert
        

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